Jetzt mal ehrlich, muss das sein

Wie selbst ein rechtschaffener Kulturpessimist den Glauben an das letzte Gute im Deutschen verliert

Von Johannes Seibel

Also, jetzt mal ehrlich, muss das sein? Müssen denn tatsächlich die letzten Reste des Glaubens an das Gute im Deutschen, den sich ein rechtschaffener Kulturpessimist gerade noch so zu illusionieren vermag, auch noch geschleift werden, wo die Zeiten eh' schon so mies sind, und alles aus den Fugen geht?

Gut, dass die professionellen Geldverdiener in kurzen Hosen auf Deutschlands grünen Fußballfeldern nicht mehr so recht wissen, wie das Wort Vereinstreue buchstabiert wird – daran hat sich der gemeine Fan, also ganz Deutschland, mittlerweile zähneknirschend gewöhnt. Und so prickelnd ist es ja auch wirklich nicht, immer und immer wieder an Fritz Walter und Uwe Seeler erinnern zu müssen, wer als ein rechter und authentischer Liebhaber des runden Leders gelten mag. Selbst die hübscheste Reminiszenz verliert mal ihren idyllisch-archaischen Reiz. Die Zeiten ändern sich eben. Und es war ja auch nicht alles schlecht im Kapitalismus, wird man einmal sagen.

Aber dass nun der Inbegriff und das letzte Bollwerk an Tugend, der lizensierte deutsche Fußballtrainer, anfängt, sich auf diesem vermaledeiten Jahrmarkt so zu vergnügen, dass selbst ein Lothar Matthäus nicht mehr auf das rasende Trainerkarussell aufzuspringen vermag, das macht betroffen, tief betroffen.

Kaum zu glauben: Ein Christoph Daum zieht das dolce vita in Istanbul dem ehrwürdigen Köln vor. Ein Felix Magath verlässt das grundsolide Wolfsburg, um in Sodom und Gomorrha, also Schalke, sich zu wälzen. Ein Bruno Labbadia kehrt dem beschaulich redlichen Leverkusen den Rücken, um auf Hamburgs Reeperbahn die Puppen tanzen zu lassen. Und selbst das Wort des preußischsten aller preußischen Trainer, Jupp Heynckes, dass er nur für Bayern München noch mal den Trainer gemacht hat, ist nichts mehr wert. Also, jetzt mal ehrlich, muss das sein?

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