Jesus Christus ist der Weg in der Wüste unseres Lebens

Was uns das Weihnachtsfest in schweren Zeiten wie diesen zu sagen hat. Von Erzbischof Pierbattista Pizzaballa
Foto: KNA | „Betet für die Christen im Heiligen Land. Sie schützen und bewahren für Euch den Ort, an dem vor zweitausend Jahren die Krippe unseres Herrn Jesus Christus stand“.

„Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“ (Jes 9,1).

In dem langen Jahr, das nun zu Ende geht, haben wir ein Crescendo der Gewalt erfahren. Wir haben darunter gelitten, dass in zahlreichen Ländern so viele unschuldige Kinder, alte Menschen, Frauen und arme Menschen in Mitleidenschaft gezogen wurden und eine große Anzahl christlicher Brüder und Schwestern im Nahen Osten und in verschiedenen Teilen der Welt Opfer von Diskriminierung, Verfolgung und Martyrium geworden ist. Wir leben in schweren Zeiten, in denen ständig wiederkehrende tragische und gewalttätige Ereignisse uns mit Furcht erfüllen. All das macht es uns nicht einfach, Weihnachten mit frohen Gefühlen in einer freudigen Atmosphäre als Fest des Lebens zu feiern. Selbst in unseren kleinen alltäglichen Verrichtungen scheint unser Leben von Angst bestimmt. Wir fürchten vor allem die anderen, da wir den Mut verloren haben, an sie zu glauben.

Wir trauen einander nicht mehr und sind versucht, uns in unsere kleinen Kreise von Gleichgesinnten zu verschließen. In Syrien, im Irak, im Heiligen Land, im Osten wie im Westen scheint die Anwendung von Gewalt die einzig mögliche Stimme geworden zu sein, um auf die Gewalt zu antworten, die uns überschattet.

Weihnachten unter solchen Umständen zu feiern, gibt uns die Gelegenheit, unseren Glauben zu befragen und uns das Bedürfnis nach der Geburt einer größeren Hoffnung spüren zu lassen. Im Evangelium heißt es, dass sich die Fülle der Zeit in einem schwierigen Moment verwirklicht hat, einem Moment, in dem Johannes in der Wüste die Menschen aufforderte, dem Herrn den Weg zu bereiten und eine Taufe der Umkehr predigte. Wenngleich das Fest, die Lichter, die Farben in den Umständen, in denen wir leben, notwendig und erwünscht sind, sollten sie uns dazu führen, tiefer über den ursprünglichen Sinn von Weihnachten nachzudenken: Gott tritt ein in unsere Zeit und in unsere Geschichte. Er tritt ein in die Zeit und in die Geschichte, in der wir heute leben. Weihnachten sagt uns, dass Gott das Leben liebt, dass Er selbst das Leben ist. Diese Wahrheit ist der entscheidende und eigentliche Grund, weiter auf dieser Erde zu leben. Dies ist eine Zeit, nach einer echten Motivation zu suchen, nach letzten Gründen, um weiter zu leben und zu hoffen. Nach Gründen und Motivationen, die Bestand haben, die das Gespür für das rechte Maß, für einen echten Horizont vermitteln und nicht den wechselnden Phasen von Angst und Triumph unterworfen sind. Dies ist die Zeit, um Fragen zu stellen und Antworten, Orientierung zu suchen. Es ist die Zeit, um den Osten wieder zu entdecken.

Dieser Osten ist Christus, Mensch und Gott. Weihnachten ruft uns daher diesen Osten in Erinnerung. Weihnachten sagt uns, dass unser Leben wie der Advent ist; dass wir auf eine Zukunft ausgerichtet leben, die vielleicht dramatisch und mühsam ist, in der wir Ihm jedoch – wir sind sicher – begegnen können. Weihnachten sagt uns, dass diese Zukunft, um die wir so besorgt sind, die Zukunft, die jetzt anfängt, bereits begonnen hat: sie ist Jesus, der geboren, gestorben und vom Tode auferstanden ist. Wir gehen nicht auf eine Leere zu, auf etwas Unbekanntes, auf Dunkelheit, sondern auf etwas, das bereits geschehen ist und bleiben wird, dessen Verwirklichung sich ständig vollzieht und das wir niemals zerstören können, selbst wenn wir es wollten.

Wir sind unterwegs zu einer Begegnung. Auf diese Weise wird die schwere Zeit am Ende eine gute Zeit werden, da sie uns wieder bewusst macht, dass dies eine Zeit der Begegnung ist. Sie offenbart unser Bedürfnis nach etwas, das anders ist als wir, und macht uns aufmerksamer gegenüber den Menschen, die Seite an Seite mit uns leben, denn die Zukunft, zu der wir unterwegs sind, kann nur die Verwirklichung jeder Beziehung sein, die wir hier und jetzt genährt haben. Selbst unter diesen dramatischen Umständen.

Für dieses Weihnachtsfest wünsche ich mir, dass wir mit Vertrauen diesem Weg folgen können, der sich in der Wüste unseres Lebens öffnet und zu einer guten Zukunft führt, einer Zukunft mit einem einzigen Antlitz: dem Antlitz des barmherzigen Vaters, der immer treu auf uns wartet, selbst heute. Daher können uns die Gewalt und die Macht, die wir derzeit im Nahen Osten erfahren, alles nehmen, aber nicht das Leben, das aus dieser Liebe geboren wird. Die Liebe, die uns für die Ewigkeit geschenkt wurde. Und das ist das Wesen des Weihnachtsfestes – dass dieses Kind uns bei der Hand nimmt und uns auf diesen vom Herrn auserkorenen Weg führt, wo nur die Liebe, der wir unsere Herzen verschrieben haben, existiert, die Liebe, durch die wir wahre Erlösung finden können. Wir richten daher unseren Blick auf die Grotte in Bethlehem und sehen, dass der Herr sie auserkoren hat, um alles zu erhöhen, das weit von Macht und Stärke entfernt ist, dass Er die Schwäche eines wehrlosen Kindes auserkoren hat. Gott rettet uns nicht durch eine Geste der Stärke, sondern vielmehr durch das demütige Zeichen einer grenzenlosen Bereitschaft, die allen angeboten wird. Der Allmächtige musste uns in der Gestalt eines Kindes erscheinen: „Das Schwache in der Welt hat Gott erwählt“ (1 Kor 1,27), denn „Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit“ (2. Kor 2,19).

Der Allmächtige hat uns nur auf diese Weise bis zu den tiefsten Wurzeln, die in unserem tiefsten Herzen verborgen sind, erlöst. Denn hätte Er seine unendliche Macht benutzt, um uns zu erlösen – vielleicht kraft eines wohlwollenden Wunders –, wären wir sicher vom Bösen geheilt worden, doch unsere Herzen wären nicht verändert worden. Mit diesen Worten wünsche ich Euch, liebe Leser der Tagespost, ein frohes Weihnachtsfest und ein glückliches Neues Jahr. Möge das Licht des neugeborenen Königs über Euch allen leuchten. Bitte vergesst nicht, für Eure Brüder und Schwestern im Heiligen Land und im ganzen Nahen Osten zu beten. Sie schützen und bewahren für Euch den Ort, an dem vor zweitausend Jahren die Krippe unseres Herrn Jesus Christus stand.

Der Autor ist Apostolischer Administrator des Lateinischen Patriarchats in Jerusalem. Die Übersetzung aus dem Englischen besorgte Claudia Reimüller.

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