Jedes einzelne Kind zählt

Der Berliner Gesundheitsenator Mario Czaja (CDU) spricht sich für den Erhalt der Babyklappe aus. Von Birgit Wilke
Foto: dpa | Mario Czaja ist Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus und Senator für Gesundheit und Soziales.
Foto: dpa | Mario Czaja ist Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus und Senator für Gesundheit und Soziales.

In der Debatte um die umstrittenen Babyklappen hat sich Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) nachdrücklich für deren Erhalt ausgesprochen. Zudem tritt er dafür ein, dass „anonyme Geburten“ ohne Angaben von persönlichen Daten der Mutter in einigen Krankenhäusern weiter möglich sein sollen. Diese Angebote hätten sich in Berlin bewährt, sagte Czaja am Dienstag in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Herr Czaja, nach einem Gesetzentwurf des Bundesfamilienministeriums soll die Möglichkeit zur „vertraulichen Geburt“ an die Stelle der bislang geduldeten „anonymen Geburten“ treten. Die Mutter soll dann ihre persönlichen Daten streng vertraulich im Krankenhaus hinterlassen, damit das Kind später eine Möglichkeit zur Einsicht hat. Zudem sollen keine neuen Babyklappen zugelassen werden. Sie sprechen sich weiter für die „anonymen Geburten“ aus und plädieren ebenfalls für eine weitere Babyklappe für Berlin. Warum?

Die Erfahrungen in Berlin haben gezeigt, dass die Angebote der „anonymen Geburt“ und anonymen Kindsabgabe in einer Babyklappe aufgrund ihrer Niedrigschwelligkeit in besonderen Notfällen als bestmögliche Lösung erscheinen. Einige hundert Frauen haben in den letzten Jahren in Berlin in ihrer Not die vier Kliniken aufgesucht, um ihr Kind anonym zur Welt zu bringen. Frauen, die sich für diesen Weg entscheiden, befinden sich in einer extremen Ausnahmesituation. Sie sind über die Beratungseinrichtungen nicht mehr erreichbar. Die Angebote in Berlin haben sich bewährt. Im Ostteil der Stadt gibt es sie allerdings nicht, daher laufen derzeit im Vivantes Klinikum Friedrichshain Beratungen mit den Beschäftigten, möglicherweise auch dort eine Babyklappe einzurichten.

Kritiker der „anonymen Geburt“ bemängeln vor allem, dass diese sich gegen das Grundrecht der Kinder auf das Wissen um ihre Herkunft wendet. Wie stehen Sie dazu?

In vielen Fällen ist es gelungen, dass die Frauen letztlich doch einer „vertraulichen Geburt“ zugestimmt haben oder sich sogar dafür entschieden haben, ihr Kind zu behalten. Dazu hat ganz wesentlich die sozialberaterische, psychologische und seelsorgliche Betreuung in den Kliniken beigetragen. Für viele dieser Frauen wäre das alleinige Angebot einer „vertraulichen Geburt“ aufgrund der wesentlich höheren Hürden allerdings nicht annehmbar gewesen. Ohne die Möglichkeit, ihr Kind anonym abgeben oder zur Welt bringen zu können, hätten sie sich wahrscheinlich gar nicht in ärztliche Obhut begeben. Außerdem muss man wissen, dass die vier Krankenhäuser, die diese Angebote vorhalten, eng mit den zuständigen Jugendbehörden zusammenarbeiten. Wenn ein Kind in einer Babyklappe abgegeben wurde, werden die Behörden unmittelbar informiert. Die Abläufe sind abgestimmt und gut dokumentiert. Adoptionsverfahren können dann eingeleitet werden. Das Grundrecht der Kinder bleibt also in fast allen Fällen gewahrt.

Auch etliche frühere Befürworter sagen inzwischen, dass die Babyklappen nicht die schwangeren Frauen erreichen, für die sie gedacht sind, nämlich die Frauen, die ihre Schwangerschaft verdrängen und bei der Geburt im Affekt handeln.

Da sagen die Erfahrungen, die hier in Berlin seit zehn Jahren gemacht werden, etwas anderes. Aber natürlich wird es nicht gelingen, jede verzweifelte Frau oder jedes verzweifelte Mädchen auch zu erreichen. Dennoch – jedes einzelne Kind, dem durch die anonyme Abgabe oder anonyme Geburt in einem Krankenhaus die Chance auf Leben gegeben wurde, zählt.

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