„Jamaika“ liegt ganz vorne

Allensbach hat die deutsche Elite über ihre Beurteilung von Wirtschaft und Politik befragt

Die deutsche Elite bewahrt trotz aller Turbulenzen kühlen Kopf. Das ist das Ergebnis des jüngsten „Capital-Elite-Panels“, zu dem das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) zwischen Ende Februar und Mitte März 639 Top-Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung befragt hat; unter ihnen 63 Chefs von Unternehmen mit über 20 000 Beschäftigten sowie 33 Minister und Ministerpräsidenten. Dabei gibt es Grund genug zur Unruhe: Die weltweite Finanzkrise sorgt für immer neue Erschütterungen, in den Vereinigten Staaten gehen Rezessionsängste um, die Rohstoffpreise schießen in die Höhe und der starke Euro erschwert zunehmend den Export europäischer Produkte.

Weiterhin eine positive Konjunktureinschätzung

Aber auch Deutschland selbst steht im Umbruch. Spätestens mit dem Einzug der Linken in die Landesparlamente von zwei Flächenstaaten ist das Vierparteiensystem endgültig zu Ende. Das Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft sinkt bei Massenentlassungen trotz steigender Gewinne und wachsenden Managergehältern.

Dennoch überwiegt eine weiterhin positive Konjunktureinschätzung bei der deutschen Führungselite. Nur 28 Prozent erwarten einen Abwärtstrend. Fast drei Viertel gehen von einer stabilen, ja weiter steigenden Konjunktur in den kommenden sechs Monaten aus. Grund hierfür sind die vollen Auftragsbücher. Angesichts des positiven Umfeldes befürwortet auch erstmals seit zwei Jahren die Mehrheit der Entscheider, die Mitarbeiter über höhere Löhne am Aufschwung zu beteiligen. Dieser Ansicht schließt sich auch die knappe Mehrheit der Wirtschaftsbosse an. IfD-Chefin Renate Köcher sieht den Grund hierfür in der Sorge um die Stimmung in den Betrieben, aber auch um die Binnennachfrage.

Die Einführung flächendeckender Mindestlöhne hält die große Mehrheit der Wirtschaftselite allerdings weiterhin für den falschen Weg, während immerhin 37 Prozent der befragten Politiker dies als richtig erachten. Allerdings sprechen sich die meisten Vertreter beider Lager für Kombi-Löhne aus.

Die Turbulenzen an den Finanzmärkten sind nach Überzeugung der Befragten noch lange nicht ausgestanden. Zwar gehen sechs von zehn Top-Managern davon aus, dass die deutsche Wirtschaft durch die Krise „weniger stark oder gar nicht betroffen ist“; aber mehr als zwei Drittel sind sich einig, dass den Banken die gravierendsten Auswirkungen noch bevorstehen. Als Ursache nennen die Befragten an erster Stelle eine unzureichende Analyse der Risiken und einen Mangel an konsequenter Kontrolle. Ferner schätzen rund vierzig Prozent die Banken als zu risikobereit ein. Persönliche Gier als Motiv nennen nur zwölf Prozent. Dennoch bleibt es angesichts dieser Analyse verwunderlich, dass mehr als die Hälfte der Wirtschaftsführer derartige Krisen auch in Zukunft für nicht vermeidbar hält. Geteilt ist die Ansicht, ob man in Not geratene Banken grundsätzlich retten soll.

Breiten Raum nimmt diesmal die Frage nach den Managergehältern in der Umfrage ein. Insgesamt sind zwei Drittel aller Befragten der Ansicht, die Manager würden angemessen bezahlt. Allerdings meinen 43 Prozent der Politiker, dass sie zuviel Geld erhielten. Bemerkenswert ist: Immerhin 55 Prozent der Entscheider meinen, „dass den erheblichen Verdienstchancen kaum Risiken gegenüberstehen“. Davon gehen sogar 43 Prozent der Wirtschaftsführer aus, 44 Prozent von ihnen sprechen sich für eine Ausweitung der Veröffentlichungspflicht von Managergehältern aus.

Ziemlich einmütig ist die Einschätzung, dass sich aus der derzeitigen Diskussion um Steuerhinterziehung die managerfeindliche Stimmung verstärkt. Zwei Drittel wollen in den bekanntgewordenen Fällen aber kein Symptom für einen allgemeinen Sittenverfall sehen, während mehr als zwei Drittel davon ausgehen, dass die Politik Einzelfälle nutzt, um sich zu profilieren.

Überhaupt macht sich eine gewisse Unzufriedenheit unter der Entscheidungselite über die Regierungspolitik breit. Erstmals seit zwei Jahren ist die Mehrheit der Befragten enttäuscht über die große Koalition; wobei die Anhänger der SPD positiver über die bisherige Arbeit urteilen als die Unionsanhänger. Dem entspricht die Einschätzung von immer mehr Top-Entscheidern, dass das machtpolitische Gleichgewicht sich zugunsten der SPD verschiebt. Für Köcher widerspricht diese Einschätzung nicht den historischen Umfragetiefs der SPD. Im Gegenteil, sie sieht den Grund darin, dass die CDU nun stärker auf den Koalitionspartner Rücksicht nehmen müsse.

Mit Blick auf die Grundausrichtung der Regierung ist die Mehrheit der Überzeugung, dass die Politik einen substanziellen Linksruck vollzogen hat. Allerdings geht die Mehrheit der Politiker davon aus, dass dabei nur auf einen Linksruck in der Bevölkerung reagiert wird, während die meisten Wirtschaftsführer die Parteien selbst dafür verantwortlich machen. Doch wie ist die Einschätzung der neuen politischen Kraft, der Linkspartei? Zwei Drittel aller Befragten sehen in ihr weiterhin eine extreme Partei – aber mit deutlichen Unterschieden: So sind zwei Drittel der CDU-Anhänger dieser Ansicht, aber nur ein knappes Drittel der Sozialdemokraten. Entsprechend geringer ist bei ihnen der Widerstand gegen eine Regierungsbeteiligung der Linken.

Koalition von Union, FDP und Grünen sehr gewollt

Schaut man angesichts der gewandelten Parteienlandschaft auf die Präferenzen möglicher Regierungskoalitionen, so liegt „Jamaika“, also Union, FDP und Grüne mit 47 Prozent in der Gunst der Befragten ganz vorne. Dreißig Prozent können sich eine Fortsetzung der großen Koalition vorstellen. Für eine Ampel, also SPD, FDP und Grüne optieren noch elf Prozent. Eine Regierungsbeteiligung der Linken und Grünen unter SPD-Führung kann sich gerade mal ein Prozent vorstellen. Trotz der schwieriger gewordenen Regierungsbildungen spricht sich eine solide Mehrheit weiterhin gegen die Einführung des Mehrheitswahlrechts aus.

Das Ansehen von Bundeskanzlerin Angela Merkel bleibt von den Stimmungsumschwüngen weitgehend unberührt. 69 Prozent der Befragten halten die CDU-Politikerin weiterhin für eine „starke Kanzlerin“. Allerdings gründet dieser Ruf laut Capital-Panel nicht zuletzt auf ihrer Außenpolitik. Dazu zählt etwa die Standfestigkeit gegenüber den Amerikanern und anderen Nato-Partnern in der Afghanistanfrage. Gute Noten erhält auch Bundespräsident Horst Köhler. Trotz oder wegen seiner Distanz zur Politik und mancher Mahnungen kann er eine hohe Zustimmungsrate verbuchen: 79 Prozent bescheinigen ihm, dass er wichtige geistige Anstöße gebe.

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