Italien schämt sich für Gaddafi

Die Beziehungen zu Libyen zeigen, wie egoistisch der Westen bisher seine Außenpolitik betrieben hat. Von Guido Horst
Foto: dpa | Alte Freunde: Muammar al-Gaddafi und Silvio Berlusconi in Rom.
Foto: dpa | Alte Freunde: Muammar al-Gaddafi und Silvio Berlusconi in Rom.

Italien leidet nicht an einer Flüchtlingsschwemme. Ob es dazu kommen wird, weiß niemand. In den vergangenen Wochen haben 7 500 zumeist tunesische Auswanderer an der Küste des Inselchens Lampedusa angelegt, dem Sprungbrett nach Europa. Gerade einmal 50 haben einen Antrag auf Asyl im Stiefelstaat gestellt. Die meisten wollen weiter. Nach Frankreich, England, Deutschland oder Skandinavien. Wer die erste große Hürde genommen hat, die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer, wird auch die übrigen Grenzen überwinden. Aber wer will schon in Italien bleiben? Wohl die wenigsten. Darum sind die Bemühungen von Innenminister Roberto Maroni, in Brüssel Hilfszusagen der anderen EU-Mitgliedsländer für die Beherbergung der Bootsflüchtlinge auf italienischem Boden zu erhalten, bisher im Sande verlaufen.

Italien leidet an etwas anderem. Gnadenlos führen die Medien täglich den Bürgern vor, mit welch höfischer Unterwürfigkeit die Politik des Landes den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi umgarnt und in die Arme genommen hat. Seit dem Freundschaftsvertrag zwischen Italien und seinem wichtigsten Energielieferanten an der Nordküste Afrikas im Jahr 2008 ist der immer äußerst operettenhaft daherkommende Zeltbewohner zweimal zu Gast in Rom gewesen, hat jeweils mehreren hundert jungen Damen, die dubiose Agenturen für den Diktator zusammentrommeln mussten, den Koran erklärt und ihnen Geschenke verteilt, hat seine Berberpferde mitgebracht und gemeinsam mit berittenen Carabinieri auftreten lassen. Meist kam er zu spät, Gaddafi liebte es, das italienische Protokoll hinter sich herlaufen zu lassen. Nun schämt man sich in Italien, dem Despoten, der sich jetzt in Tripolis verschanzen musste, den Hof gemacht zu haben.

Alle Regierungschefs der vergangenen Jahrzehnte, bei Giulio Andreotti angefangen, haben auf beste Beziehungen zu dem Libyer Wert gelegt. Auch der damals als „Linksdemokrat“ firmierende Ministerpräsident Massimo D'Alema und der von einer linken Mehrheit getragene Parteilose Romano Prodi haben Gaddafi den roten Teppich ausgerollt, ihn als großen Freund Italiens bezeichnet und jedes Auge zugedrückt, wenn es um die innenpolitischen Verhältnisse in Libyen ging.

Seitdem der staatliche Energiekonzern Italiens, die heutige ENI, noch vor der Zeit Gaddafis Erdöl- und Gasquellen in Libyen erschlossen hat, ist das nordafrikanische Land die herausragende strategische Stütze jenseits des Mittelmeers. Gaddafi wusste das zu nutzen – auch mit Blick auf die Tatsache, dass sich die einstige Kolonialmacht Italien in seinem Land brutal und unterdrückerisch benommen hat, was dem Diktator ein übriges Motiv war, seine italienischen Gastgeber regelmäßig zu demütigen.

Doch keiner ist dem Diktator so exzessiv entgegengekommen wie Silvio Berlusconi. Er tat es eben auf seine Weise. Dazu gehörten Ringküsse, Umarmungen, Bezeugungen tiefer persönlicher Freundschaft. Jeder Wunsch wurde dem Diktator erfüllt. Wenn dieser sein Wüstenzelt in der italienischen Hauptstadt aufzuschlagen gedachte, wurden Villen und Parks geschlossen. Gaddafi hatte immer Vorfahrt. Zwei Tage hat Berlusconi gebraucht, um „umzudenken“. Als schon die ersten Schießereien in Tripolis begonnen hatten, lehnte es der Ministerpräsident ab, Gaddafi anzurufen. Er wolle seinen Freund „nicht stören“. Doch seit dieser Woche spricht auch Berlusconi eine klarere Sprache, verurteilt die Gewalt in Libyen und richtet mahnende Worte an seinen „Freund“ – nur scheint dieser das in seinem Bunker jetzt nicht mehr zu hören.

Die Beziehungen zwischen Italien und Libyen sind vielleicht das typischste Beispiel dafür, wie sich Europa und der Westen in den vergangenen Jahrzehnten gegenüber den großen und kleinen Despoten im Maghreb verhalten haben. Hauptsache der Export stimmt, und auf dem Rückweg fließen Öl und Gas in die eigenen Tanks.

Anfang der Woche sind an der Mailänder Börse wichtige Titel italienischer Firmen kräftig nach unten gestürzt. Vorgestern haben zwei Militärmaschinen Mitarbeiter italienischer Firmen aus Libyen ausgeflogen. Die Beziehungen zu dem nordafrikanischen Land waren ausschließlich durch wirtschaftliche Interessen geprägt. Da spielten innenpolitische Fragen und die Lage der Menschen in Libyen keine Rolle. Die schillernde Figur und der plötzliche Fall des Wüstenclowns Gaddafi machen besonders deutlich, wie zynisch die Außenpolitik der Europäer sein konnte, wenn sich alles nur um das Geld und die Sicherung der Energieversorgung drehte.

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