Italien: Breite Debatte über Sterbehilfe

Senat will Gerichtsurteil über Komapatientin prüfen

Fernseh-Debatten, Unterschriftenlisten von Ärzten, Leitartikel und immer wieder ein Schlagabtausch zwischen Politikern: In Italien erregen sich die Gemüter wegen der 37 Jahre alten Komapatientin Eluana Englaro. Mitte Juli hatte ein Mailänder Berufungsgericht entschieden, dass die künstliche Ernährung der Frau, die seit einem Autounfall 1992 bewusstlos ist, eingestellt werden kann. Immer wieder hatte der Vater, Beppino Englaro, Gerichte bemüht, um die Versorgung seiner Tochter mit Wasser und Nahrung zu beenden. Der dann einsetzende Todeskampf der Frau könnte sich bis zu zwei Wochen hinziehen.

Der Vater beruft sich darauf, dass seine Tochter in gesunden Tagen häufiger zu verstehen gegeben habe, dass sie nicht unter den Umständen gepflegt werden möchte, die sie jetzt ertragen muss. Das unterscheidet den an das Schicksal der Amerikanerin Terri Schiavo erinnernden „Fall Englaro“ vom „Fall Welby“. Der an einer unheilbaren Muskelkrankheit leidende Mann hat 2006 im letzten Krankheitsstadium vor laufenden Kameras darum gebeten, sterben zu dürfen. Obwohl in Italien aktive wie passive Sterbehilfe gesetzlich verboten sind, hatte ein Arzt am 20. Dezember 2006 Welby ein Betäubungsmittel verabreicht und das Beatmungsgerät abgeschaltet. Der ausdrückliche Wille, nicht weiter gepflegt zu werden, ist aber im Fall Eluana Englaros nicht nachweisbar. Es gibt nur die Aussage des Vaters, der bei vielen Fernsehdiskussionen telefonisch zugeschaltet wird. Die Debatte trägt stark emotionale Züge und wird auf ethischem, medizinischem und politischem Feld geführt. Auch für Politiker käme die Umsetzung des Mailänder Urteils einer staatlich abgesegneten „Hinrichtung“ gleich. Die Nonnen des katholischen Pflegeheims in Lecce, wo die Komapatientin versorgt wird, bekräftigen, dass sie „ihre Eluana“ nicht hergeben und sterben lassen wollen. Theologen werfen ein, dass der Mensch nicht das Recht habe, über Leben oder Tod eines anderen Menschen zu entscheiden, nur weil dieser seinen Willen nicht mehr äußern könne. Der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, Erzbischof Salvatore Fisichella, erklärte, dass das Gericht mit seinem Entscheid eine „Euthanasierung“ des Patienten gebilligt habe. Genauso wie die italienischen Lebensschutzbewegungen betonte auch der Erzbischof, dass das Personsein eines Menschen nicht zur Debatte steht und dieses auch jedem Menschen zuerkannt werden muss, der sich in einem irreversiblen vegetativen Zustand befindet. Mediziner weisen darauf hin, dass die Behandlung von Koma-Patienten Fortschritte gemacht habe und es auch Fälle gebe, in denen ein Patient aus tiefer Bewusstlosigkeit wieder aufgewacht sei. Politiker der Linken argumentieren mit dem Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht des Menschen. Politiker aus den Reihen der Regierungskoalition werfen ein, dass kein Gericht festlegen dürfe, wann einem kranken Menschen das Grundrecht auf Ernährung verweigert werden dürfe.

Die Auseinandersetzung bleibt dem Land erhalten, denn jetzt hat der italienische Senat das Urteil des Mailänder Berufungsgericht an sich gezogen und will es von seiner Verfassungs-Kommission prüfen lassen. Das Gericht habe, so heißt es in dem entsprechenden Antrag, eine neue Gesetzeslage geschaffen. Gesetzesänderungen seien jedoch nicht Aufgabe der Judikative, sondern der Legislative, das heißt des Parlaments. Es ist kaum damit zu rechnen, dass der italienische Senat den Fall noch vor der Sommerpause abschließen kann.

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