Paris

Ist ein friedliches „Zusammenleben“ mit dem Islam möglich?

Das gute „Zusammenleben“ mit dem Islam wirft nicht erst seit dem brutalen Mord an einem Pariser Lehrer Fragen auf: Eine Philosophin meint, ein solches Miteinander dürfe nicht zum Preis der Unterwerfung unter muslimische Vorgaben zu haben sein.
Proteste in Frankreich
Foto: Michel Euler (AP) | Menschen versammeln sich auf dem Platz der Republik zu einer Solidaritätsdemonstration nach der brutalen Ermordung eines Lehrers.

Die Enthauptung des französischen Lehrers Samuel Paty und die wiederholten Drohungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogans haben Emanuel Marcon erschüttert, stellt die französische Philosophin und Politologin Renée Fregosi in einem Beitrag für die Tageszeitung „Le Figaro“ fest. Macron sei entschlossen, so scheine es, konkrete Maßnahmen gegen die islamistische Gewalt zu unternehmen: Doch ist er jetzt wirklich davon überzeugt, dass der Terrorismus nur der sichtbare Teil des islamistischen Eisberg ist, fragt Fregosi: „Erfasst er tatsächlich Ausmaß und Tragweite der islamistischen Offensive?“

Indoktrinierung, Terror, Unterwanderung

Denn für den islamistischen Totalitarismus rechtfertige das Ziel alle Mittel: „die Freiheiten der Demokratien ausnutzen und illegale Mittel einsetzen und Indoktrinierung, Terror und Unterwanderung betreiben sowie Gewalt ausüben. Diese religiös-politische Bewegung beansprucht, im ‚Land des Islam‘ und anderswo all jene zu re-islamisieren, die der muslimischen Religion zugeordnet sind, sowie die westlichen Gesellschaften zu islamisieren“.

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Die Trennung der Geschlechter und die Herrschaft über die Frauen stellten ein maßgebliches Instrument der Islamisierung dar, die damit eine alte traditionelle Kultur reaktiviere. So könne man nur feststellen, „dass sich die Verschleierung im Laufe der letzten Jahrzehnte überall auf den Straßen der Städte vervielfacht“ habe. In den Ländern, in denen die muslimische Staatsreligion „nach dem Verfall nationalistischer autoritärer Regimes (Ägypten, Türkei, Irak, Syrien, Algerien, Tunesien) offiziell oder inoffiziell wüten, weicht auch die Toleranz gegenüber wallenden Haaren zunehmend zurück und die mehr oder weniger vollständige Verschleierung wird zwingend – ausdrücklich oder behutsam – vorgeschrieben“.

In Europa und besonders in Frankreich, so Fregosi, werden junge Mädchen mit der Begründung bedroht, angegriffen oder vergewaltigt, dass sie sich „unzüchtig“ verhielten und/oder nicht den Schleier tragen: „Doch wenn die Islamisierung vielfach mit der Verschleierung beginnt und als solche identifiziert werden muss, so ist diese nur der sichtbarste Teil von ihr“. Nach und nach setze der Islamismus sein Gesetz im öffentlichen Raum durch, ist die Philosophin überzeugt: „in der Schule (vor allem über die Speisen in den Schulkantinen und unter Druck der Menüpläne), in den Schwimmbädern (Öffnungszeiten, bei denen die Frauen von den Männern getrennt werden, sowie das Tragen von Burkinis) und in den Unternehmen (Gebetsräume und die Weigerung, Männer und Frauen eng nebeneinander arbeiten zu lassen“.

Nicht-Muslime müssen sich anpassen

In den Köpfen verbreite der Islamismus seine Vorstellungen „auf dem Umweg der Viktimisierung, der Erpressung zu einer ‚Achtung vor dem Empfinden‘, der Erzeugung von Schuldgefühlen des Westens oder auch der Pervertierung der Laizität, die zum ‚Schutz der Religionen‘ umdefiniert wird“. So müsse sich jede Person muslimischer oder arabischer Herkunft „den muslimischen Gläubigen anpassen und sich somit der Tradition unterwerfen, und ein jeder Nicht-Muslim muss vor der muslimischen Religion seine Ehrerbietung erweisen und einsehen, dass jegliche Kritik diesbezüglich blasphemisch ist und mit dem Tod bestraft wird“.

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Die Unterscheidung zwischen einem „fundamentalistischen Salafismus“, einem „radikalen Islamismus“, dem „Islamismus der Muslimbrüder“ und einem „gemäßigten Islam“ sei jedoch – das behauptet jedenfalls Fregosi – eine „falsche unheilvolle Alternative“: „Gewissermaßen getäuscht von der terroristischen Gewalt lässt man sich von den trügerischen Äußerungen der Verehrer der Existenz eines ‚friedlichen‘ französischen Islam an der Nase herumführen. Um dem Messer des Halsabschneiders zu entgehen, würde man so in die seit langem von den Muslimbrüdern ausgespannten Fangnetze geraten, die sich ‚momentan‘ unauffällig verhalten.“ 

Daher solle man – laut Fregosi - keine „weichen Kompromisse“ eingehen: „Nein, das berühmte ‚Zusammenleben‘ kann nicht zum Preis der Unterwerfung nach den Anordnungen welcher Religion auch immer vor sich gehen. Die Freiheit, seinen Glauben zu leben und seine Religion auszuüben, bedeutet nicht das Recht, alle anderen zu nötigen, diese zu kritisieren“. Die politische Welt müsse, konstatiert Fregosi, „mit der Naivität, dem Leugnen, der multikulturellen Ideologie, der Feigheit und dem Klientelismus brechen“.  DT/ks

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