Berlin

Ist Annalena Baerbock mehrheitsfähig?

Die Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock sucht Anschluss an die gesellschaftliche Mehrheit. Diese Strategie geht medial erstaunlich gut auf. Gefährlich werden kann ihr weniger der politische Gegner als die eigene grüne Basis vom identitätspolitischen Stammtisch.

Grünen-Vorstand macht Vorschlag für Kanzlerkandidatur
Die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock soll ihre Partei als Kanzlerkandidatin in die Bundestagswahl führen. Foto: Kay Nietfeld (dpa)

Kurz vor dem großen Moment, die Kameras sind schon an: Dort, wo gleich am Montagmorgen Annalena Baerbock als die frisch gekürte grüne Kanzlerkandidatin ans Mikro treten wird, huscht eine Frau mit Maske gebückt die Bühne entlang, in der Hand ein rotes Kehrblech. Sie fegt mit ihrem kleinen Besen ein bisschen auf der linken Seite, dann wieder auf der rechten. Die Grünen sind sich des historischen Moments wohl bewusst, der sich hier nun ereignen wird. Zum ersten Mal stellen sie den Anspruch auf den Chefsessel in Berlin. In so einem Augenblick soll die Kandidatin glänzen. Staub wird eliminiert. Alles ist von A bis Z durchchoreographiert: Vom Betreten der Bühne Baerbocks, zunächst noch mit Robert Habeck an ihrer Seite, der sie anmoderiert, bis sie schließlich dann zu ihrer Grundsatzrede ansetzt.

Sie ist so alt wie ihre Partei

Haben die Grünen sich aber wirklich vom Staub von gestern befreit? In jedem Fall hat mit Baerbock nun endgültig eine neue Generation die Macht ergriffen. Die 40-Jährige ist in etwa genauso alt wie ihre Partei. Gleichwohl gibt sie mit ihrem Anspruch auf das Kanzleramt auch vor, ihrer Partei voraus zu sein. Denn offenbar glaubt sie, dass sie die Grünen für neue Wählerschichten erobern könne, anders wäre es  schwer möglich, es tatsächlich auch an die Spitze des Kabinetts zu schaffen. Die Inszenierung ist jetzt schon staatstragend: Der Video-Clip, der die Online-Übertragung dieser Krönungsmesse der anderen Art eingerahmt hat, lässt bereits Rückschlüsse darauf zu, dass Baerbock nicht auf Konfrontation setzen will.

Die Szenen, die hier zu sehen sind, mögen zwar an manchen Stellen ein bisschen hipper wirken als man es von Wahlspots gemeinhin kennt. Doch dort, wo Baerbock, zwischendurch auch mal Habeck, im Gespräch mit Bürgern, bei Unternehmensbesichtigungen oder auf freier Wildbahn gezeigt wird, da hätte in den 90ern auch ein Helmut Kohl stehen können. Der einzige Unterschied: Der Kanzler von damals trug Anzug und Krawatte, die mögliche Kanzlerin von morgen gibt sich legerer, ist aber auch weit entfernt vom Norwegerpulli der grünen Anfangszeit: High-Heels statt Öko-Latschen gilt nun.

Über Stil Punkte machen

Wie überhaupt, Baerbock versucht über Stil Punkte zu machen. Nicht nur von der Performance her, sondern auch in der politischen Kultur. Sie zitiert Barack Obamas Frau Michelle: „When they go low, we go high.“ Soll heißen: Wir wollen im Wahlkampf nicht unter die politische Gürtellinie schlagen, sondern setzen auf Stil und Fairness. Obama hatte dieses Motto damals mit Blick auf Donald Trump formuliert. Baerbock wäre für diese Strategie wohl auch die Kandidatur von Markus Söder eher zupass gekommen. Hat doch Armin Laschet ihr sofort gratuliert und eine faire Auseinandersetzung versprochen. Neben dem guten Sportsmann Laschet wird es schwierig werden, diesen an Freundlichkeit noch zu überbieten, wenn der Wahlkampf wirklich noch ein Kampf sein soll.

Trotzdem: Dieser Ansatz unterstreicht, wie deutlich es die Grünen auf bürgerliche Wähler abgesehen haben. Sie ahnen. wie sehr dort, vor allem nach dem jüngsten Unionsstreit, die Sehnsucht nach Solidität, Berechenbarkeit und Ruhe ist. Und es gibt auch die ersten Umfragen, die diese Strategie bestätigen: Beim RTL/ntv-Trendbarometer, das vom Forschungsinstitut Forsa verantwortet wird und am letzten Dienstag veröffentlicht wurde, stehen die Grünen schon auf Platz eins. 28 Prozent Zustimmung bekommen sie, dahinter erst die Union mit 21 Prozent.

"Für den Status quo stehen andere"

Die zentrale Passage von Baerbocks Rede lautete: „Ich trete für Erneuerung an. Für den Status quo stehen andere.“ Auch Robert Habeck hatte schon bei der Vorstellung des Wahlprogramms mit ordentlich Pathos erklärt:  „Wir legen das Programm in einer Zeit vor, in der eine politische Ära zu Ende geht und eine neue beginnen kann“, Die Erneuerung zielt natürlich auf die Gesellschaft. Aber haben die Grünen sich tatsächlich auch als Partei erneuert, wie Baerbock und Habeck den umworbenen Wechselwählern aus der bürgerlichen Mitte suggerieren? „Alles ist drin“, lautet der Slogan für den Wahlkampf und gemeint ist natürlich die Chance auf den Sieg. Aber nach der bisherigen Medienstrategie dürften die Grünen eigentlich kein Interesse daran haben, dass die Öffentlichkeit wirklich mitbekommt, was da tatsächlich alles drin steht im Programm. Vor allem der identitätspolitische Sprengsatz könnte Baerbock noch um die Ohren fliegen.

Ein Beispiel dafür, was möglich wäre, zeigte die Debatte um die Spitzenkandidatin der Berliner Grünen für die Abgeordnetenhauswahl. Auf die Frage, welchen Berufswunsch sie denn als Kind gehabt habe, antwortete Bettina Jarasch: „Indianerhäuptling“. Die Folge war eine große Entrüstungswelle, die Bezeichnung sei diskriminierend. Jarasch entschuldigte sich, das inkriminierte Video wurde sogar von der Partei-Homepage gelöscht. Ein Punktsieg des identitätspolitischen Stammtisches der grünen Basis, dem noch weitere folgen könnten. Genug Anknüpfungspunkte finden sich im entsprechenden Programmkapitel mit der etwas harmlos klingenden Überschrift „Zusammen leben“.

Die Form bestimmt den Inhalt

Dort stehen auch die Punkte, die christliche Wähler besonders umtreiben, und bei denen sich überhaupt keine programmistische Entwicklung andeutet: Das Recht auf Abtreibung als Ausdruck der körperlichen Selbstbestimmung der Frau wird weiterhin proklamiert. Ebenso bricht man für den Geschlechterwechsel eine Lanze.

Die neue Generation, für die Barebock steht, gibt sich nach außen unideologischer als die Altvorderen. Ob dies wirklich  gilt, wird der Wahlkampf beweisen. Es zeigt sich jedenfalls in der Art und Weise, wie sehr Baerbock und Habeck so wirken wollen. Die Form bestimmt den Inhalt – dass sich ausgerechnet die Grünen einmal an dieser Formel orientieren könnten, hätte noch vor wenigen Jahren kaum ein Beobachter für möglich gehalten. Sowohl Baerbock wie Habeck ist der verbissene Wille anzumerken, jede Verbissenheit zu vermeiden. Wenn die beiden zusammen irgendwo auftreten, soll auch nicht einmal ansatzweise der Eindruck entstehen, hier könnten sich zwei Spitzenpolitiker aneinander messen wollen. Stattdessen Rumgetänzel und schmachtende Blicke. Aber ist dieses Konzept auch die Strategie der  Basis? Oder fliegen irgendwann mal Farbbeutel?

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