„Israels Christen sind ein ungehobenes Potenzial“

Etwa 158 000 Christen sind Staatsbürger Israels. Viele haben ein doppeltes Problem: Sie sind Christen und Araber und sitzen damit zwischen den Stühlen. Von Oliver Maksan

Sie sind Araber, Palästinenser, Israelis, Christen: Die Identität der arabischen Christen Israels ist eine komplexe Angelegenheit. Über achtzig Prozent der etwa 158 000 Christen in Israel müssen mit der Frage kämpfen, wer sie eigentlich sind. Anders als die übrigen Christen, vor allem Russen und Äthiopier, die aufgrund ihrer Vorfahren nach dem Rückkehrgesetz als Juden gelten, haben sie trotz israelischer Staatsangehörigkeit ein problematisches Verhältnis zum Judenstaat. Denn dessen Gründung 1948 konnte nicht ohne Folgen für die christliche Präsenz im Heiligen Land bleiben: Sie hatte durch Flucht und Vertreibung den christlichen Anteil auf dem israelischen Staatsgebiet empfindlich reduziert.

In der Mittelmeerstadt Haifa etwa lebten vor 1948 über 30 000 Christen. Danach blieben ganze 7 700 übrig. Wohnten in Jaffa 1945 noch 16 300 Christen, waren es 1961 nurmehr 2 800. Insgesamt blieben von 143 000 arabischen Christen nach der israelischen Staatsgründung ganze 34 000 übrig. Der Rest floh in das vom jordanischen Königreich annektierte Westjordanland und den ägyptisch verwalteten Gazastreifen oder verließ Palästina ganz, um im Libanon, Syrien oder im Westen Zuflucht zu finden. Auch in den verschiedenen Ländern Lateinamerikas haben ganze christlich-arabische Sippen eine neue Heimat gefunden. Weil sich die Zahl der verbliebenen Christen aber seit 1948 vervierfachte, würden heute etwa eine halbe Million arabische Christen in Israel leben, hätte es die Nakba, Katastrophe, genannte Staatsgründung Israel und die mit ihr verbundenen Folgen nicht gegeben. Tatsächlich sind es etwa 120 000 bei einer Gesamtbevölkerung von 7,8 Millionen Israelis.

Die nach 1948 verbliebenen Christen taten sich mit dem neuen Staat ähnlich schwer wie ihre islamischen Volksangehörigen. Aufgrund ihrer hohen Bildung – das im 19. Jahrhundert aufgebaute christliche Schulwesen hatte ganze Arbeit geleistet – suchten sie ihr Heil vielfach in der Emigration. Trotz ihres im Verhältnis zur jüdischen wie muslimischen Bevölkerung Israels geringen Wachstums behielten sie innerhalb der arabischen Gemeinschaft aber die führende intellektuelle Rolle bei, die sie schon vor 1948 innegehabt hatten. Tatsächlich waren die Gründer der kommunistischen Partei in Israel, die anfangs die einzige pro-arabische Stimme im Lande war, überwiegend Christen. Der orthodoxe Christ Tawfiq Tubi oder der Anglikaner Emile Habibi gehörten dazu. Sie waren prominente arabische Knesset-Abgeordnete, die sich indes nicht als Sachwalter der Christen sahen, sondern der arabischen Bevölkerung Israels überhaupt. Aus genuin christlicher Motivation engagierten sich christlich-arabische Politiker in Israel indes nicht. Der israelische Historiker Amnon Ramon, Dozent an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Spezialist für israelisches Christentum, meint dazu: „Die Politiker stammten eben aus der soziologischen Gruppe der Christen. Gläubig waren sie deshalb nicht notwendigerweise. Die arabischen Muslime sahen sie aber dennoch als Christen an.“ Sie füllten nach der Staatsgründung auch das politische Vakuum, das durch die Flucht oder Vertreibung der alten, meist durch ihren Großgrundbesitz legitimierten muslimischen Familien und des städtischen Mittelstands entstanden war. Obschon durch den Exodus zur Ader gelassen, war in den Jahren unmittelbar nach der Staatsgründung das quantitative Verhältnis von arabischen Muslimen und Christen weniger krass als es zuvor und heute wieder der Fall ist. Aufgrund ihrer besseren Bildung und Verbindung zum Westen waren sie auch empfänglich für westliche ideologische Importe wie den Sozialismus.

Das führte dazu, dass Christen in der politischen Vertretung der arabischen Minderheit überrepräsentiert waren. Doch das änderte sich bald. Ramon: „Seit den siebziger Jahren spätestens ließ diese christliche Dominanz in der arabischen Linken nach. Die zahlenmäßig immer stärker werdenden Muslime, die zunehmend gut ausgebildet waren, ersetzten sie gewissermaßen.“ Mit dem Niedergang des Weltkommunismus ließ auch in Israel die Attraktivität dieser Ideologie nach. Von der kommunistischen Partei spaltete sich in den neunziger Jahren die säkular-nationalistische Balad-Partei ab. Sie hatte mit dem Katholiken Azmi Bischara aus Nazareth einen charismatischen Führer. 2007 verließ er Israel jedoch wegen des Vorwurfs, für die libanesische Hisbollah spioniert zu haben. Mit Hanna Sweid saß zuletzt ein einziger christlicher Abgeordneter für die sozialistische Hadasch-Partei in der Knesset, dem 120 Mandate umfassenden israelischen Parlament.

Darin ist die arabische Bevölkerung, die immerhin 20 Prozent der israelischen Gesamtbevölkerung ausmacht, stets unterrepräsentiert. Der Grund ist, dass die arabische Wahlbeteiligung stets weit unter dem jüdischen Durchschnitt liegt. Die Christen machen da keine Ausnahme. „Im Wesentlichen unterscheidet sich das arabisch-christliche Wahlverhalten vom muslimischen, dass die Christen nie eine islamische Partei wählen würden. Ansonsten ist die Wahlbeteiligung ähnlich schwach“, meint Ramon. Die politische Präferenz der Christen, die indes wählen, folge alten Mustern. „Arabische Christen wählen in der Regel links, und zwar sowohl arabische als auch jüdisch dominierte Linksparteien wie Meretz. Die Wahlergebnisse in den überwiegend christlich besiedelten Ortschaften Fassuta und Miilya in Galiläa belegen dies.“

Strittig ist nach Ramon, wie sich arabische Christen in Israel gegenüber dem Judenstaat verhalten sollen, der zudem Besatzungsmacht in den palästinensischen Gebieten ist, wo häufig ihre Verwandten leben. „Kürzlich gab es einen großen Aufschrei, als die israelische Armee in Nazareth, der größten arabischen Stadt in Israel, unter den dortigen Christen um Eintritt warb“, so Ramon. Anders als Juden und Drusen sind Araber nicht zum Militärdienst verpflichtet. Der emeritierte Lateinische Patriarch von Jerusalem, Michel Sabbah, der 1987 als erster Palästinenser überhaupt in dieses Amt berufen worden war, verurteilte das israelische Vorgehen. Wörtlich sagte er im November vergangenen Jahres: „Die israelischen ,Gewehre‘ richten sich gegen die Palästinenser, daher ist es nicht logisch, dass sich ein Palästinenser von dieser Armee anwerben lässt. Der palästinensische israelische Christ ist ein Teil des Aufbaus einer israelischen Gesellschaft, aber er kann diese nicht durch das Blutvergießen an seinem palästinensischen Bruder unter israelischer Besatzung mit aufbauen.“

Dabei sind die Christen aufgrund des guten christlichen Bildungssystems an sich bestens auf eine moderne Mittelstandsgesellschaft wie die israelische vorbereitet. Mit 25 Prozent entspricht ihr Anteil an akademischen Berufen dem der jüdischen Mehrheit und liegt weit über dem muslimischen Durchschnitt von 14 Prozent. Die Zahl christlicher Studienplatzbewerber lag in manchen Jahren sogar über dem jüdischen Durchschnitt. Doch holen die Muslime nicht zuletzt aufgrund des kirchlichen Bildungssystems auf. In Nazareth etwa sind über siebzig Prozent der Schüler christlicher Schulen Muslime. Dies geht jedoch innerhalb der arabischen Gemeinschaft zu Lasten der Christen. Hinzu kommt die steigende Islamisierung der israelischen Muslime. Besonders in Nazareth, einer einst überwiegend christlichen Stadt, wird diese inner-arabische Spannung deutlich: Dort haben islamische Fanatiker direkt neben der Verkündigungsbasilika anti-christliche Plakate aufgehängt. Überhaupt neigen viele israelische Muslime dazu, die nationale palästinensische Sache mit dem Islam zu identifizieren. Für Christen bleibt da natürlich kein Platz.

Und auch innerhalb der jüdischen Mehrheitsgesellschaft ist es nicht einfach für sie. Der Spezialist Ramon dazu: „Der israelisch-jüdische Mainstream interessiert sich nicht für die Christen oder nimmt sie einfach als Araber wahr. Und je religiöser die Juden sind, desto feindseliger werden sicher die Gefühle gegenüber Christen, zumal, wenn sie noch Araber sind. Aber in der israelischen Gesellschaft können sie es weit bringen. Immerhin ist ein Richter am Obersten Gericht arabischer Christ. Sie sind auch stark in den freien Berufen. Dennoch liegt in der arabischen christlichen Bevölkerung Israels noch viel ungehobenes Potenzial.“

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