IS reklamiert Bluttat für sich

Deutsche bei Attentate in Paris verletzt – Zustand stabil – Mehr als 50 000 Polizisten sollen Präsidentschaftswahl am Sonntag sichern
Schüsse in Paris
Foto: dpa | Der Täter hatte schon einmal versucht, Polizisten zu töten: Paris nach dem neuerlichen Anschlag am Donnerstagabend.

Paris/Brüssel/Berlin (DT/dpa) Bei dem Anschlag auf den Champs-Elysées in Paris ist nach Angaben der Bundesregierung auch eine deutsche Staatsangehörige verletzt worden. Das teilte ein Sprecher des Auswärtigen Amts am Freitag in Berlin mit. Die Frau sei verletzt worden – „rein zufällig, weil sie sich zur falschen Zeit am falschen Ort befand“. Ihr Zustand sei stabil. Sie sei nicht lebensbedrohlich verletzt worden, habe aber ernste Verletzungen davongetragen. Die Bundesregierung tue alles dafür, die Frau konsularisch zu betreuen und sich um sie zu kümmern. Der französische Außenminister Jean-Marc Ayrault habe bereits den deutschen Botschafter in Paris angerufen, um sein Bedauern und sein Mitgefühl darüber zum Ausdruck zu bringen.

Ein Sprecher des Innenministeriums sagte, der Anschlag sei „ein weiterer Beleg dafür, dass Europa, mindestens mal Europa, die westliche Welt, einen Raum gemeinsamer Werte bildet und als solcher eben auch einen Raum der Gefährdung darstellt“. Die Bundesregierung sehe sich bestätigt, dass man von einer hohen Gefährdungslage ausgehen müsse, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Nachbarstaaten. Solche Einzeltäter seien ein „Modus Operandi, mit dem die Sicherheitsbehörden umgehen müssen“. Zu möglichen Hintermännern und Netzwerken sei dem Innenministerium noch nichts bekannt.

Kurz vor der französischen Präsidentschaftswahl an diesem Sonntag hatte ein nach Medienberichten 39 Jahre alter Mann am Donnerstagabend auf dem Prachtboulevard mitten in Frankreichs Hauptstadt mit einer automatischen Waffe auf einen geparkten Mannschaftswagen der Polizei geschossen. Ein Polizist starb dabei. Neben der Deutschen wurden nach Angaben der französischen Behörden zwei weitere Beamte verletzt. Die Polizei erschoss den Angreifer.

Die Bundesregierung verurteilte den Anschlag. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kondolierte Präsident François Hollande und drückte ihr Mitgefühl für die Opfer aus, wie Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer sagte. „Wir sind in Gedanken bei den Opfern, Familien und Freunden“, sagte der Sprecher des Auswärtigen Amts.

Der Angriff überschattet den Präsidentschaftswahlkampf. Die Franzosen stimmen am Sonntag über ihren neuen Staatschef ab. Staatspräsident François Hollande sagte, es spreche einiges für einen Terrorakt. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) reklamiert die Bluttat für sich. Die Anti-Terror-Abteilung der Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt. Französische Ermittler haben drei Personen aus dem familiären Umfeld des getöteten Angreifers in Polizeigewahrsam genommen. Das wurde der Deutschen Presse-Agentur am Freitag aus Ermittlerkreisen bestätigt.

Der Tatverdächtige war bereits in der Vergangenheit wegen einer Attacke auf Polizisten verurteilt worden. Er hatte im Jahr 2005 eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren wegen versuchten Totschlags erhalten, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete. Er hatte demnach in Seine-et-Marne bei Paris versucht, einen Polizisten, einen Polizeischüler und dessen Bruder zu töten. Unklar war zunächst, wie groß der Teil dieser Strafe war, die der Verdächtige verbüßt hatte.

Die EU-Kommission hat den Anschlag auf Polizisten auf den Champs Elysées in Paris scharf verurteilt und Frankreich Solidarität zugesichert. „Europa ist entschlossen, den Kampf gegen den Terrorismus weiterzuführen“, sagte eine Sprecherin am Freitag in Brüssel. „Wir verteidigen zusammen ein Europa, das demokratisch und offen ist, aber unnachgiebig bei Fragen der Sicherheit.“

Unterdessen hat die rechtspopulistische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen die Regierung ihres Landes scharf angegriffen. Seit zehn Jahren sei unter den Regierungen der Konservativen und der Sozialisten alles getan worden, damit Frankreich den „Krieg“ gegen den Terrorismus verliere, sagte sie am Freitag in Paris. Zwei Tage vor der Präsidentschaftswahl forderte sie „eine Nation, die die Naivität ablegt“.

„Ich rufe zum Erwachen der tausendjährigen Seele unseres Volkes auf, die in der Lage ist, der blutigen Barbarei eine Entschlossenheit entgegenzustellen, die durch nichts eingeschüchtert wird“, so Le Pen. Sie wiederholte ihre Wahlkampfforderungen nach härteren Maßnahmen im Kampf gegen den Islamismus. So will sie alle Ausländer, die in einer Datei der Behörden als mutmaßliche Gefährder geführt werden, ausweisen.

Premierminister Bernard Cazeneuve rief die Franzosen auf, sich nicht vom Terror einschüchtern zu lassen. „Nichts darf diesen für unser Land fundamentalen demokratischen Augenblick beeinträchtigen“, sagte er am Freitag in Paris. „Es ist unsere Aufgabe, der Angst, der Einschüchterung und der Manipulation, die den Feinden der Republik in die Hände spielen würde, nicht nachzugeben.“ Nach einem Treffen des Sicherheitskabinetts im Elyséepalast sagte Cazeneuve, in den kommenden Tagen würden mehr als 50 000 Polizisten eingesetzt, um die Abstimmung zu schützen. Auch Spezialeinheiten der Polizei würden in Alarmbereitschaft versetzt. In dem Land gilt nach einer beispiellosen Terrorserie mit mehr als 230 Toten immer noch ein Ausnahmezustand (siehe dazu auch Seite 3).

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