„Irgendjemand muss den Bus fahren“

Schweinegrippe sorgt für Epidemie-Alarm – Ein Alltag wie im Horrorfilm – Stilles Aufbegehren gegen den Ausnahmezustand – Eine Reportage aus Mexiko-Stadt

Seit einer Woche herrscht Epidemie-Alarm in Mexiko-Stadt. Geschlossen hat die Regierung bisher die Schulen, die Museen, die Fußballstadien, die Kirchen, die Kinos und die meisten Restaurants, in dieser Reihenfolge. Mit Lautsprechern und auf Aushängen mahnen die Behörden, sich gegen Ansteckung zu schützen, durch Abstand zu den Mitmenschen, durch häufiges Händewaschen und durch Verzicht auf die sonst üblichen Wangenküsschen. Selbst die Messe in der Kathedrale, eines der Wahrzeichen Mexikos, fand letzten Sonntag unter Ausschluss des Publikums statt. Sie wird wohl auch kommenden Sonntag nur über das Radio zu verfolgen sein. So etwas hat es in Mexikos Hauptstadt seit dem letzten Bürgerkrieg nicht mehr gegeben.

„Um jeden Preis Ansteckungen verhindern“ heißt die Devise, die Mexikos Präsident Felipe Calderón ausgab, kurz nachdem vergangenen Donnerstag erstmals das neue Virus H1N1 wissenschaftlich bestätigt war. Ob das gelungen ist, weiß man nicht. Die Presse weist auf die bisher wahrscheinlich 159 Toten und rund 2 500 Erkrankten hin und malt Schreckensszenarien an die Wand. Das Gesundheitsministerium hingegen sieht ermutigende Signale, denn die Zahl der täglich neuen Fälle sinkt. Alle Zahlen gelten aber unter Vorbehalt, denn Mexiko verfügt noch nicht über die Labors, um das Virus zu bestimmen.

Dafür dämmert die Einsicht, wie hoch der Preis ist, die Ansteckungen zu verhindern. Viele der 22 Millionen Hauptstadtbewohner klagen über immense Alltagsprobleme: Eltern können nicht arbeiten gehen, weil die Kinder daheim sind, statt in die Schule zu gehen. Einzelhandel und Gastronomen verzeichnen bis zu 80 Prozent Umsatzminus. Vor dem Ruin stehen viele der Straßenhändler, die in der sonst wuselnden Hauptstadt ihr karges Auskommen finden. Ihnen hat Oberbürgermeister Marcelo Ebrard fast gänzlich ihre Tätigkeit verboten. Wirtschaftsverbände schätzen die täglichen Umsatzausfälle auf rund 43 Millionen Euro. Das ist fast alles Geld, das am Ende des Tages irgendwo in der Haushaltskasse eines der Kleinhändler oder Gastronomen fehlt.

Wirtschaftsexperten warnen vor mehr Inflation und schrumpfender Wirtschaft. Der bereits vor der Epidemie befürchtete Rückgang von Mexikos Bruttoinlandprodukt von etwa drei bis vier Prozent könnte noch schärfer ausfallen. Erste beunruhigende Signale geben die Finanzmärkte. Der Wert des mexikanischen Peso sank in den wenigen Tagen der Epidemiewarnung um rund zehn Prozent. Kräftige Verluste verbuchten auch die Börsenwerte der großen mexikanischen Unternehmen.

Besonders getroffen ist der Tourismus, mit 13,3 Milliarden US-Dollar jährlich eine der Hauptdevisenquellen Mexikos. Die meisten Bürger des krisenerprobten Landes lassen die Notmaßnahmen geduldig und in großem Vertrauen in die Regierung über sich ergehen. Typisch ist die Aussage von Esther Leon im Stadtviertel San Pedro: „Wir gehorchen den Anweisungen und versuchen, uns so gut es geht zu schützen. Ich verlasse das Haus nur noch, um einkaufen zu gehen.“ Befürwortet wird der Epidemie-Notstand auch von Experten. Alberto Palacios ist Chef-Immunologe am Angeles-Krankenhaus in der Hauptstadt und damit an vorderster Front in der Epidemiebekämpfung tätig. Er lobt Mexikos Regierung für die Schnelligkeit ihrer Reaktion und sagt: „Das sind sehr gute Maßnahmen. Indem man die Konzentration von Menschen verhindert, verringert man die Ansteckungen.“

Das Ergebnis ist eine beängstigend wirkende Leere in der Metropole. „Es ist unheimlich, wie in einem Hollywoodfilm“, beschreibt die seit Jahren in Mexiko lebende Unternehmerin Verena Knopp die Stimmung. Die Deutsche spricht von „Panikmache“ und sagt: „Man guckt schon alle Menschen komisch an, die einen Schnupfen haben.“ Knopp ist direkt mit den Ängsten der Touristen konfrontiert, denn sie betreibt eines der größeren Reisebüros in der Hauptstadt (SAT Mexico). Jetzt muss sie nicht nur eine Flut von Stornierungen verkraften, sondern auch noch die im Land verbliebenen Reisegruppen betreuen, die vom Ausbruch der Grippe überrascht wurden. „Die meisten haben einfach nur Angst. Denn sie wissen ja nichts Genaues“, berichtet Knopp mitfühlend.

Einen Kontrapunkt gegen das allgemeine Krisengefühl setzt Ralf Hirsch, deutschsprachiger katholischer Pfarrer in Mexikos Hauptstadt. „Die Radikalität der Medienberichterstattung ist nicht Abbild der Lebensrealität“, sagt er mit einem Seitenhieb auf die Presse und betont: „Es gibt ein großes Bedürfnis nach Normalität. Der größte Teil der Mexikaner kann nicht aus seinem Alltagsleben aussteigen und will es auch nicht. Irgendjemand muss den Bus fahren. Irgendjemand muss das Essen bringen. Und das ist gut so.“

Normalität praktiziert Hirsch darum im Alltag, wo er bewusst gewöhnliche Dinge unternimmt wie Behördengänge und Einkäufe. Normalität praktiziert er auch in seiner Gemeinde. Wie immer zelebriert er die Messe. Und wie immer feiert er die Eucharistie, Ansteckungsbedenken zum Trotz. Dabei kommen nur „geringfügig weniger“ Gläubige als gewöhnlich, berichtet Hirsch, denn der Gottesdienst sei schließlich „spirituelle Notwendigkeit“. Gerade in Krisenzeiten sei er wichtig.

Der Priester betont, damit nicht gegen die Epidemievorschriften zu verstoßen. Denn untersagt sind lediglich Menschenansammlungen mit mehr als 50 Personen. Diese Zahl erreicht er in der Regel nicht, zu seinem Bedauern. „Solange mir der Staat oder mein Gewissen die Eucharistiefeier nicht verbieten, werde ich daran festhalten“, sagt Hirsch. Beobachten lässt sich der Wunsch nach Normalität im Umgang mit den Mundmasken. Mexikos Medien haben daraus längst ein Skandalthema gemacht, ist doch der einfache Ansteckungsschutz vielerorts ausverkauft. Doch tatsächlich gehen die Mexikaner zunehmend nachlässig damit um. Auch wenn sie ihn haben, benutzen sie ihn nicht. Oder sie lassen ihn lässig um den Hals baumeln, wo er vielleicht das Gesundheitsgewissen beruhigt, aber nicht gegen die Schweinegrippe hilft. Selbst in den Bussen und der Metro, dem Ansteckungsherd par excellence, tragen höchsten ein Drittel der Fahrgäste Mundschutz.

Geradezu erfrischend normal ging es für einen kurzen Augenblick am vergangenen Montag zu, als auch noch der Ausläufer eines Erdbebens Mexiko-Stadt traf. Die an solche Ereignisse gewohnten Mexikaner verließen sofort Büro- und Wohngebäude. Als klar war, dass die Erdstöße keine größeren Schäden angerichtet hatten, herrschte in der Hauptstadt für wenige Minuten wieder das gewohnte Alltagsbild. Die Menschen blieben auf der Straße, schwatzten, lachten und rauchten, als wollten sie kollektiv gegen alle Gesundheitsbedenken aufbegehren. „Tausende von Menschen liefen auf die Straßen. Das hat richtig gut getan, wieder Menschenmassen zu sehen“, schildert Knopp ihre Eindrücke.

Auch in der Wirtschaftswelt regiert der Wunsch nach Alltäglichkeit. Giselher Foeth, Vizedirektor bei der deutsch-mexikanischen Handelskammer in Mexiko-Stadt, hat sich am Dienstag bei den rund 400 Mitgliedsbetrieben umgehört und resümiert: „Bei den Firmen gibt es keinerlei Panik. Die meisten versuchen, normal weiterzuarbeiten.“ Die Einschränkungen durch die Epidemie seien für die Wirtschaft verkraftbar, betont Foeth. Ein Problem seien die Absenzen, da viele Mitarbeiter sich weigerten, die Metro zu benutzen. Dem versuche man, mit Verständnis und Pragmatismus zu begegnen. Einige Betriebe ermöglichen ihren Angestellten derzeit, zu Hause zu arbeiten, etwa im Telefon- und Verwaltungsdienst.

Während Foeth die Notstandsmaßnahmen befürwortet, gingen mexikanische Wirtschaftsverbände am Dienstag weiter. Sie kritisierten erstmals die Maßnahmen der Regierung als „übertrieben“. Sie stören sich daran, dass Mexiko-Stadt den wenigen geöffneten Restaurants nur noch den Verkauf von Takeaway-Gerichten erlaubte. Die Restaurants im historischen Zentrum gehen mit der neuen Vorschrift währenddessen auf mexikanisch um: Sie ignorieren sie und bedienen ihre Gäste weiterhin am Tisch.

Auftrieb gibt denen, die sich mehr Normalität wünschen, ein Blick auf die Statistik. So tragisch die bisherigen Todes- und Infizierungsfälle sind, gemessen an der Gesamtbevölkerung Mexikos mit mehr als 100 Millionen Einwohnern sind sie gering. Der Epidemie-Experte Carlos del Rio sagte dazu gegenüber dem Sender CNN: „Das legt die Vermutung nahe, dass das Virus nicht allzu effizient ist.“

Und so strotzt auch Verena Knopp, die deutsche Touristik-Unternehmerin, mitten in der Epidemie vor Optimismus: „Den nächsten Monat schreiben wir ab. Aber dann werden die Leute schnell wiederkommen.“

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