Innsbruck

Innsbrucker Bischof: Christ zu werden scheint suspekt

Das Ausmaß der Bedrohung von Konvertiten wird verkannt, sagt Bischof Hermann Glettler.
Abschiebung von Konvertiten
Foto: Julian Stratenschulte (dpa) | Für frühere Muslime, die sich Christus zuwandten, ist die Abschiebung in islamische Staaten oft ein Flug in den Tod.

Exzellenz, Österreich hat vor wenigen Tagen einen christlichen Konvertiten nach Afghanistan abgeschoben, nachdem ihm ein Asylgericht jede Glaubwürdigkeit absprach. Hat ein säkulares Gericht das Recht zu einer solchen Gewissensprüfung? Widerspricht dies nicht der Trennung von Staat und Kirche?

Meines Erachtens überschreitet eine staatliche Behörde dabei eindeutig ihre Kompetenz – obwohl sie rechtlich befugt und beauftragt ist, die religiöse Identität und die Ernsthaftigkeit des Glaubenswechsels eines konvertierten Asylbewerbers zu prüfen. Damit ist die Überforderung schon benannt, denn eine staatliche Behörde kann definitiv nicht über die Echtheit einer Glaubensüberzeugung urteilen. Eine solche „Prüfung“ wird letztlich nur in Absprache mit den dafür zuständigen Verantwortlichen der betreffenden Religionsgemeinschaften zielführend sein – und nicht an diesen vorbei.

Haben weltliche Richter und Asylbehörden überhaupt die inhaltliche Kompetenz zu solchen Glaubensprüfungen?

"Ich kann doch von einem Konvertiten
aus der Baptistengemeinde nicht verlangen,
dass er die katholischen Marienfeiertage aufzählen kann"

Aus den mir bekannten Fallbeispielen kann ich eine solche inhaltliche Kompetenz nicht ablesen. Zugegeben, es ist in keinem Fall leicht, die Echtheit einer Glaubensentscheidung zu überprüfen. Viele Faktoren sind zu beachten, denn schließlich geht es bei einer Glaubensüberzeugung ja nicht um ein technisches Wissen, das nach objektiven Kriterien abzufragen wäre. Neben dem Glaubenswissen entscheidet das konkrete Verhalten, etwa die gelebte Aufmerksamkeit für die Armen, ob jemand authentisch Christ ist oder nicht. Neugetaufte sind auch keine Fachtheologen und kennen sich meist bei den Unterschieden zwischen den Konfessionen nicht aus. Wenn schon, dann sollten sich die Richter dieses Fachwissen selbst einmal erwerben, um angemessene Fragen stellen zu können. Ich kann doch von einem Konvertiten aus der Baptistengemeinde nicht verlangen, dass er die katholischen Marienfeiertage aufzählen kann! In anderen Fällen wurden Nebensächlichkeiten abgefragt, die auch jedem einheimischen Durchschnittschristen zum Verhängnis würden.

Die christlichen Kirchen sind in Österreich keine privatrechtlichen Vereine, sondern anerkannte Kooperationspartner des Staates. Müsste eine Bestätigung der Kirche nicht ausreichen, um jemanden als Christ anzuerkennen?

"Man sollte [...] auf keinen Fall einen Generalverdacht
nähren, dass sich Konvertiten nur den Taufschein
erschwindeln würden, um zu einem Asylgrund zu kommen"

Leider wird im Verfahren die Echtheit der Konversion hinterfragt. Durch den Taufschein sollte jedoch klar sein sollte, dass es eine mindestens einjährige Taufvorbereitung gab und auch die übrigen Voraussetzungen für die Spendung des Sakraments gegeben waren. Durch die Taufe erfolgt eine formale und praktische Aufnahme in die konkrete Pfarrgemeinde, eine zumindest anfängliche Integration in die Glaubensgemeinschaft vor Ort. Ich weiß aus eigener Pfarrerfahrung, dass die Taufen von Erwachsenen meist eine positive Betroffenheit in der Gemeinde auslösen und die Neugetauften mit herzlicher Freude aufgenommen werden. Zusammengefasst: Es gibt ein Taufdokument. Diese Beglaubigung, die von den dafür verantwortlichen Pfarrern und Seelsorgern ausgestellt wurde, muss vor den staatlichen Stellen zählen. Man sollte da nicht päpstlicher als der Papst sein wollen und auf keinen Fall einen Generalverdacht nähren, dass sich Konvertiten nur den Taufschein erschwindeln würden, um zu einem Asylgrund zu kommen.

Verkennt Österreich, dass christlichen Konvertiten in Afghanistan, im Iran und in vielen arabischen Ländern die Todesstrafe droht, weil der „Abfall vom Islam“ nach Schariarecht ein todeswürdiges Verbrechen ist?

Das Ausmaß der Bedrohung, der abgeschobene Konvertiten, Taufwerber oder Personen, die sich im Kirchenasyl befunden haben, ausgesetzt werden, wird eindeutig verkannt. Es gibt meines Erachtens auch keine statistischen Daten, was mit den Zurückgewiesenen tatsächlich passiert ist. Von einigen Fällen weiß ich, dass ihnen UN-Mitarbeiter vor Ort geraten haben, ihre neue Religionszugehörigkeit unter allen Umständen zu verschweigen, sofort in die Moschee zu gehen, um ja nicht aufzufallen, oder das Land so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Meist hat sich schon während des Katechumenats die Absicht des Taufbewerbers im Familien- und Bekanntenkreis herumgesprochen, was nicht selten zu einem radikalen Ausschluss aus allen sozialen Netzen führte. Wer kennt denn die Anfeindungen und Bedrohungen, denen die „Abgefallenen“ schon während der Vorbereitungszeit auf die Taufe ausgesetzt sind? Außerdem werden Taufbewerber vor den Asylbehörden längst schon kritischer behandelt als andere Asylsuchende. Ihr Wunsch zum Christwerden steht unter Verdacht. Den mit Glaubensfragen wenig vertrauten Beamten scheint es suspekt zu sein, dass sich jemand ohne dahinterliegende Absicht der katholischen Kirche zuwendet.

"Den mit Glaubensfragen wenig vertrauten Beamten
scheint es suspekt zu sein, dass sich jemand ohne
dahinterliegende Absicht der katholischen Kirche zuwendet"

Warum schickt ein freies, die Religionsfreiheit achtendes Land wie Österreich Menschen ins Martyrium?

Ja, diese Frage ist berechtigt und gilt für alle Abschiebungen in Herkunftsländer wie Afghanistan – ein Land mit der höchsten Reisewarnstufe und einer verheerenden Sicherheitslage. Warum will man jemanden wissentlich einer lebensgefährlichen Bedrohung aussetzen? Das österreichische Innenministerium sollte längst eine neue Länderfeststellung in Auftrag geben, um die Verhältnisse in dem von Krisen und Taliban-Terror heimgesuchten Land wahrheitsgemäßer einstufen zu können.

Warum gelingt es den Bischöfen nicht, der Politik hier in den Arm zu fallen?

Wir Bischöfe sprechen das Unrecht dieser inhumanen Abschiebungen ja immer öfter an. Wie wirksam wir damit für die konkrete Politik sind, bleibt offen.

Sind Glaubensprüfungen durch Richter nicht schon deshalb absurd, weil nicht die Authentizität des Glaubens im Fall einer Abschiebung die Gefährdung verursacht, sondern einzig und allein das Faktum der Taufe? Es ist ja bekannt, dass auch wenig gebildete oder wenig fromme Konvertiten von radikalen Islamisten umgebracht werden.

"Die Gefährdung im Herkunftsland sollte
der entscheidende Punkt für das Asyl sein"

Die Gefährdung im Herkunftsland sollte der entscheidende Punkt für das Asyl sein. Auf den konkreten Fall bezogen: Afghanistan ist ein Kriegsland, in dem es 2018 mit großem Abstand die meisten Kriegstoten weltweit gegeben hat. Das Land ist instabil und gegenüber dem fundamentalistischen Terror nahezu machtlos. Junge Menschen sollten dieser Lebensgefahr nicht neuerlich ausgeliefert werden. Schon gar nicht, wenn durch die Konversion ein weiterer Grund für ein mögliches Todesurteil hinzukommt. Diese Umstände dürfen wir nicht auf die leichte Schulter nehmen und herumphantasieren, dass es im speziellen Krisenland ja innerstaatliche Fluchtmöglichkeiten gäbe.

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Kein Mensch sollte in Krieg, Not und Unfreiheit zurückgewiesen werden. Das ist allen aufgeklärten Leuten zu verdeutlichen, unabhängig von ihrer religiösen Überzeugung. Die Sensibilität und die Solidarität mit Menschen, die aufgrund ihres frei gewählten Glaubens gefährdet sind, wird auf allen Ebenen zunehmen müssen. Es gibt über diesen aktuellen Fall hinaus noch weitere Konvertiten, denen jetzt dasselbe Schicksal droht. Vor dem staatlichen Gericht müssen sie unter großer psychischer Belastung nochmals über ihre Flucht sprechen und sich der staatlichen Glaubensprüfung unterziehen. Diese Praxis muss sofort geändert werden.

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