In Deutschland gibt es die meisten Computertomografen

Einen Systemwechsel im Gesundheitssystem hatte Philipp Rösler bei seinem Amtsantritt als Bundesgesundheitsminister versprochen. Das Gesundheitssystem werde besser, nicht teurer. Der Arbeitgeberanteil werde festgeschrieben, damit die Lohnzusatzkosten nicht steigen. Jetzt, acht Monate später, zeigt sich: Rösler hat die Latte zu hochgelegt. Statt eines Systemwechsels, der vielleicht für einige Zeit für Ruhe sorgen könnte, reicht es auch diesmal nur zum obligaten Notfallpaket, das das Gesundheitssystem ins nächste Jahr hinein rettet:

Der Krankenkassenbeitrag steigt auf 15, 5 Prozent, der Arbeitgeberbeitrag wird bei 7, 3 Prozent eingefroren. Alle weiteren Erhöhungen zahlen die Versicherten allein. Außerdem können die Kassen Zusatzbeiträge erheben, bei Ärzten und Krankenkassen soll es Nullrunden und eine Begrenzung der Zuwächse geben. Aber hatte nicht die Bundesregierung die Festlegung der Krankenkassenbeiträge in die Hand genommen, um diese in den Griff zu bekommen? Hatte sie nicht den Gesundheitsfonds eingerichtet, um die Kosten einzudämmen? Warum funktionieren diese Maßnahmen nicht? Woher kommen die Löcher in den Kassen der Kassen – trotz fortgesetzter Beitragserhöhungen?

Bei 260 Milliarden Euro liegen die Gesundheitsausgaben derzeit. Die Hälfte wird für Zuschüsse an die Krankenversicherung für Rentner und Arbeitslose sowie zur Finanzierung der kostenlosen Mitversicherung von Familienangehörigen verwendet. Mit den übrigen hundertdreißig Milliarden werden Ärzte, Krankenhäuser und Arzneimittel finanziert.

Rund 45 Milliarden sind im vergangenen Jahr an die Ärzte geflossen – und zwar neben den Hausärzten, die unter den Ärzten noch am billigsten sind, auch an Fachärzte, Krankenhäuser und Spezialkliniken. Hier sorgen Mehrfachuntersuchungen oft für Verteuerungen, etwa wenn Hausarzt, Facharzt und Arzt im Krankenhaus nacheinander denselben Patienten untersuchen und damit die Diagnose dreimal so teuer machen wie nötig. Hintergrund: Um wirtschaftlich arbeiten zu können, brauchen Hausärzte möglichst viele Patienten. Sie haben also für jeden Patienten nur begrenzt Zeit zur Verfügung und können sich ihnen nicht immer in der Weise widmen, die vielleicht eine Überweisung an einen Facharzt oder eine Klinik verhindern könnte.

56 Milliarden Euro kosten die Krankenhäuser. Bis jetzt leistet sich Deutschland eine Krankenhausdichte und einen Bettenberg, der einmalig in Europa ist: Ein Viertel aller Krankenhausbetten steht leer. Bei geringerer Dichte müssten Patienten höchstens längere Wege auf sich nehmen. Untersuchungen zeigen, dass das Gesundheitssystem darunter nicht leiden würde. In zentralen Spezialkliniken ist bei komplizierten Fällen die medizinische Qualität höher als bei dezentraler Versorgung: Die Ärzte sind auf die komplizierten Fälle vorbereitet, jeder Handgriff sitzt. Eine geringere Krankenhausdichte würde die Versorgung und die finanzielle Lage der Kliniken also eher verbessern.

So aber sind Ärzte und Chefärzte erpicht, ihre Praxen und Stationen auszulasten, um Geld zu verdienen – mit den neuesten Therapien und den besten Geräten. All das kostet Geld. Bedenkt man, dass es in Deutschland mehr Magnetresonanztomografen, Computertomografen oder Linksherzkatheter gibt als in ganz Europa zusammen, zeigt sich, wie überversorgt unser Gesundheitssystem ist: Krankenhäuser schaffen teure Geräte an, um mit anderen Kliniken zu konkurrieren. Die Anschaffung aber muss sich natürlich lohnen: Kein Wunder, dass Computer- und Kernspintomografen übermäßig häufig eingesetzt werden, auch wenn das medizinisch nicht immer notwendig ist. Bisher verhindert das niemand: Solange nicht erwiesen ist, dass eine Untersuchung in einer Klinik den Patienten schadet, müssen die Kassen dafür zahlen.

43 Milliarden Euro betragen die Ausgaben für Arzneimittel. Nach wie vor sind die Arzneimittelpreise in Deutschland die höchsten in Europa. Die Pharmaindustrie hält dagegen, dass die Entwicklung neuer Medikamente teuer ist und die Entwicklungskosten am Markt erst einmal verdient werden müssen. Natürlich werden auch in Deutschland die Arzneimittelkosten kontrolliert, doch trotz der Kontrollinstanz des staatlichen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) gibt es Fälle, in denen sich die Pharmakonzerne dieser Kontrolle entziehen. Ein Beispiel ist die Augenkrankheit der feuchten Makuladegeneration, die jetzt mit einem teuren Medikament behandelt werden kann. Vergleichbare andere Mittel sind zwar billiger, aber für das Auge nicht zugelassen. So kostet das Medikament Awastin® pro Dosis siebzig Euro, das andere, Lucentis®, dagegen 1523,60 Euro pro Injektion. Das teurere der beiden Mittel ist für die Behandlung der Makuladegeneration zugelassen, das billigere nicht. Dabei beweisen Studien und Vergleichsreihen, dass das billigere Medikament ebenso wirksam ist, denn seine chemische Zusammensetzung ist mit dem anderen nahezu gleich. Der Clou daran: Beide Medikamente sind von einer Tochter von La Roche in den USA entwickelt worden. Der Hersteller aber denkt nicht daran, das preiswertere Medikament für die Behandlung der immerhin viereinhalb Millionen Menschen, die allein in Deutschland an Makuladegeneration erkrankt sind, zuzulassen. So bleibt nur das 1523,60 Euro teure Medikament – pro Dosis wohlgemerkt.

Tatsächlich ist es bis jetzt nicht möglich, den Preis eines Präparats zu beeinflussen, wenn es keine Alternative hat – und dies ist hier der Fall: Das eine Medikament ist für die Makuladegeneration zugelassen, das andere für Krebs. Deswegen sind beide Medikamente unabhängige Arzneimittel.

Inzwischen hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf vorgelegt, der vorsieht, dass neue Arzneimittel, die Patentschutz haben, sehr schnell, innerhalb von drei Monaten, auf ihren Nutzen bewertet werden können und der Krankenkassenverband anschließend mit dem Pharmahersteller über einen Preis verhandeln soll. Auf diese Weise könnten die Kassen den Preis beeinflussen.

Der Druck der Interessen- verbände ist zu groß

Bei dieser Fülle von Wirtschaftlichkeitsreserven fragt sich, weshalb sich die Diskussion über die Zukunft des Gesundheitssystems bisher so sehr auf die künftige Ausgestaltung der Beiträge konzentriert hat und sich die Gemüter so stark am Plan der Kopfpauschale erhitzten. Dabei zeigen genug Beispiele, dass im Gesundheitssystem kostengünstiger gearbeitet werden könnte, ohne dass sich die Qualität des Angebots verschlechtern würde und das ganze System gleich aus den Angeln gehoben werden müsste. Aber offensichtlich ist der Druck der Interessenverbände zu groß, als dass sich eine Änderung zum Wohl aller umsetzen lässt. Auch diesmal hat sich die Politik damit bequemt, die Patienten für die steigenden Kosten aufkommen zu lassen.

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