In den Pfarreien bleibt kein Stein auf dem anderen: Was trägt, wenn alles Wankt?

Fünf Statements zum Thema der Woche.
Pfarrer Michael Kiefer
Foto: unbekannt | Pfarrer Michael Kiefer (50), Weihejahrgang 1998, Pfarrei St. Maria Thalkirchen im Erzbistum München-Freising

Pfarrer Michael Kiefer (50), Weihejahrgang 1998, Pfarrei St. Maria Thalkirchen im Erzbistum München-Freising

In zwanzig Jahren meines priesterlichen Dienstes in der Pfarrseelsorge gibt es viele markante Änderungen. Vor allem in der Kinder- und Jugendpastoral findet sich keine Kontinuität mehr in der Begleitung des jungen Menschen.. Fast ausschließlich sind Kinder und Jugendliche nur noch in der Zeit der Vorbereitung auf die heilige Erstkommunion und auf die heilige Firmung im Gottesdienst und in den angebotenen Gruppenstunden erlebbar. Auch ist die Schule und die ausgebaute Nachmittagsbetreuung Grund für die Konzentration auf samstägliche Pastoral in der Pfarrei; und das in immer größer werdender „Konkurrenz“ zu einem ausgeprägten Freizeitverhalten. Herausforderung besteht auch im fehlenden Glaubensrückhalt in der Familie. Oftmals findet alle Katechese keinen Widerhall in der fast nicht mehr vorfindbaren „Hauskirche“. Trotz großer Sehnsucht nach spiritueller Geborgenheit von Jung und Alt müssen traditionelle Frömmigkeitsformen wie persönliches Gebet und Stille neu entdeckt und eingeübt werden. So scheint immer mehr ein festes Eingebundensein der Eltern in der Vorbereitung auf die kirchlichen Feste und eine persönliche Begleitung von zunehmender Wichtigkeit zu werden. Ein bedeutsamer Faktor im Wandel der Seelsorge ist auch die Entstehung von Peergroups, sprich von jugendlichen Gruppen, die im gemeinsamen Alter keine Interesse und keine Offenheit für ein Glaubensvorbild eines älteren Jugendlichen oder jungen Erwachsenen zeigen. So fehlt fast gänzlich ein wesentlicher wichtiger Faktor in der Glaubensweitergabe, welcher auch mit modernsten Kommunikationsmitteln nicht ersetzt werden kann.

Ebenso kann auch in der Seniorenpastoral vor Ort eine immer älter werdende Altersstruktur festgestellt werden. Differenzierte Angebote in Katechese und Bildung, sowie vielfältige Gottesdienste können eine Antwort auf diese Entwicklung sein.

Aus diesen kurz skizierten Beispielen im Wandel der Seelsorge wird verständlich, dass eine persönliche seelsorgerliche Begleitung des Einzelnen und das Finden neuer Gemeinsamkeiten auf pfarrlicher Ebene von Nöten sind. Hausbesuche bei Familien, Geburtstags-Gratulationen, Nutzung von Whatsapp und Instagramm als spontane Infoquelle, Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen von Seelsorger/innen und immer wieder die jesuanische Prämisse dazu – „Komm und sieh“ – werden zu neuen pastoralen Gesetzmäßigkeiten von nicht unbedeutendem Potenzial. Andererseits finden auch in modernen Tagen vermehrt säkular geltende Christen durch unsere katholische Liturgie wieder zur Glaubensgemeinschaft. Das Zeichen eines betenden Priesters ist nicht wandelbar und verweist auf den einen Hirten Jesus Christus, gestern und heute.

 

Monsignore Thomas Vollmer (65), Weihejahrgang 1979, Wallfahrtspfarrer an St. Maria in der Kupfergasse in Köln

Was heißt „Seelsorge“? Der Begriff der „Seele“ ist in den gültigen liturgischen Büchern weitgehend „entsorgt“. Wohin oder an wen wendet sich ein glaubender oder suchender Mensch mit dem, was ihm am Herzen – oder doch auch auf der „Seele“ – liegt?

In unseren bisherigen Pfarreien und fusionierten Gebilden – ich erspare mir die Nomenklatur dafür – stößt er nicht selten auf geschlossene Türen. In meinen fast vierzig Priesterjahren habe ich fast alle klassischen Seelsorgestellen erlebt, zuletzt in Düsseldorf an St. Cäcilia in Benrath als Wallfahrtskirche zur Schwarzen Muttergottes. Hier haben sich viele Menschen zu den Gottesdiensten und bestimmten Anlässen hingezogen gefühlt.

Es mag daran liegen, dass ich jetzt an die Wallfahrtskirche St. Maria in der Kupfergasse in Köln berufen wurde, weil ich auch vorher schon der „Schwarzen Muttergottes“ in Benrath verbunden war. Damit komme ich zum Punkt: Solche Zentren, zu denen sich die Menschen hingezogen fühlen, müssen gestärkt werden. Die Menschen stimmen mit den Füßen ab. Zu meiner jetzigen Wirkungsstätte kommen die Gläubigen nicht nur aus der ganzen Stadt Köln, sondern auch aus der weiteren Umgebung.

Manche sind hier in den verschiedenen Gruppierungen aktiv. Andere fahren hierher zur Teilnahme an den Gottesdiensten an Werktagen und vor allem an Sonntagen. Sie erwarten hier eine Liturgie, die Elemente des alten Ritus mit der erneuerten Liturgie verbindet. Das betrifft nicht nur die Feier der heiligen Messe, sondern auch andere Sakramente, die gerne hier gewünscht und empfangen werden. So gibt es hier ein breites zeitliches Angebot für die heilige Beichte. Eine wichtige Rolle spielt auch die Kirchenmusik mit dem Priester- Gemeinde- und Chorgesang, von Orgel und zu besonderen Anlässen Orchester getragen.

Es gibt viele andere solcher Zentren neuer geistlicher Bewegungen und klassischer Ordensgemeinschaften. Es gibt „Kirchorte“ mit besonderer Ausstrahlung, sei es vom Ort mit seiner Geschichte und Architektur her oder von charismatischen Personen her, die dort wirken. Sie können glaubenden und suchenden Menschen eine geistliche Heimat geben, wo sie sich mit ihren Sorgen und Nöten, ihrem Dank und ihrer Freude seelisch aufgehoben fühlen und „Seelsorge“ erfahren. Unser Mühen um die Seelsorge im Wandel wird sich daran messen lassen müssen, ob es die Menschen zum Glauben an den dreifaltigen Gott leitet, den Vater, der durch das Wirken des Heiligen Geistes seinen Sohn aus Maria, der Jungfrau, hat Mensch werden lassen. Hat er uns wahrhaft durch seinen Tod und seine Auferstehung erlöst?

 

Roman Gerl (47), Priesterweihe 1997, Pfarrer der Dom- pfarreiengemeinschaft St. Emmeram – St. Ulrich in Regensburg

In der Innenstadt von Regensburg, wo noch ein Drittel der Bewohner katholisch ist, braucht es andere Seelsorgemethoden als vor 30 Jahren, wenn es überhaupt noch gelingen kann, Menschen für den christlichen Glauben zu gewinnen. Es bedarf einer zeitgemäßen Sprache in den Gottesdiensten und Formate, die Suchende und Fragende ansprechen. Angebote müssen offen, einladend, gastfreundlich und unterstützend sein. Ich gestalte mit meinem Team eine die Menschen aufsuchende Seelsorge. Förderung der Ökumene und des interreligiösen Dialogs sind für uns selbstverständlich. Wir suchen Kontakte zur Stadtgesellschaft, zu Kultur, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und mischen uns auf unsere Art ein in das Leben der Stadt. Wir suchen gezielt die Kooperation mit kirchlichen und nichtkirchlichen Gruppierungen. Mit dem Projekt „Offener Tisch“ sorgen wir uns um von Armut betroffene Menschen, Obdachlose und Suchtkranke. Für diese neue Art von Seelsorge brauchen wir auch bauliche Strukturen, die wir im ehemaligen Pfarr- und Nebenhaus der Basilika St. Emmeram in in direkter Nachbarschaft des fürstlichen Schlosses mit dem „Emmeram Forum Regensburg“ schaffen wollen. In diesem Haus sollen Gastfreundschaft, Begegnung und aktive Beteiligung gelebt werden. Wir schaffen eine Schnittstelle zwischen Tradition und Innovation. Wir nehmen Passanten, Touristen, Beschäftigte, Pilgernde, Zweifelnde, Trauernde, Verliebte, Gescheiterte, Studierende und viele andere in den Blick und wollen eine Oase der Ruhe und Achtsamkeit im Getriebe der Großstadt entstehen lassen. Kreativität und Ästhetik sind für unsere Arbeit wichtige Antriebsmotoren. Wir wünschen uns, dass Menschen in der Stadt den Glauben neu entdecken können, sowohl Kirchenferne als auch Kirchennahe. Sie sehen: Nicht die Seelsorge wandelt sich, aber die Methoden, wie wir seelsorglich wirken!

 

Pastor Thomas Zwingmann, (40), Priesterweihe 2004, ist Pastor in Geseke und Mitglied im Priesterrat der Erzdiözese Paderborn

Die eigentliche Herausforderung, vor der wir heute stehen, ist nicht die äußere Organisation der Seelsorge, sondern die Erneuerung im Glauben! Angesichts rückläufiger Zahlen und einer geistigen Verwirrung, die vermutlich weiter vorangeschritten ist als wir glauben, wächst bei vielen die Versuchung, den Glauben nicht zu erneuern, sondern bloß zu modernisieren und sich damit dem Säkularisierungsdruck zu beugen.

Es ist die Versuchung, aus Kleinglauben und Menschenfurcht lieber alles laufen zu lassen, den Kampf gegen eine schier übermächtige öffentliche Meinung erst gar nicht mehr aufzunehmen, ihn insgeheim sogar für verloren zu erklären und sich so dem Auftrag Jesu zu entziehen. Doch eine solche „Appeasement-Pastoral“ erweist sich immer deutlicher als folgenschwerer und fataler Irrtum. Die Anstößigkeit des katholischen Glaubens so lange zu bemänteln, bis man in der Öffentlichkeit dafür nicht mehr kritisiert wird, ist der sicherste Weg hin zu einer kraftlosen Kirche, die sich selber überflüssig gemacht hat.

Wir müssen deshalb sehr genau aufpassen, dass Seelsorge nicht immer mehr verflacht zu einer Art horizontaler Lebenshilfe, Caritas zu bloßer Sozialarbeit und Liturgie zur Unterhaltung, die man mit immer neuen Mätzchen vergeblich interessant zu machen versucht. Sonst werden Priester zu Gemeindemanagern und Bischöfe zu Politikern.

Was Christus von uns erwartet, ist nicht die Verweltlichung der Kirche, sondern die Heiligung des Menschen! Das ist die wahre Reform, die uns wirklich nach vorn bringt, und daran mitwirken zu dürfen ist ungemein faszinierend, sodass ich mir auch nach fünfzehn Jahren keinen schöneren und erfüllenderen Beruf vorstellen kann als den des Priesters!

 

Pfarrer Ferdinand Köck (78), Priesterweihe 1965, St. Peter in Graz

Die Leute am Land waren früher vom religiösen Brauchtum im Kirchenjahr geprägt. Fernsehen gab es selten, die Kontakte spielten sich nach dem Gottesdienst im Gasthaus ab. Als Jugendkaplan waren mir der Religionsunterricht und die Firmvorbereitung – Mädchen und Burschen getrennt – aufgetragen. Es gab Aktivitäten im Freien, Lagerfeuer, Kennenlernen der Kirche und Kapellen, Jugendstunden in den Dörfern. Die Fahnen bei der Fronleichnams- und Auferstehungsprozession waren der Stolz der jungen Generation. Heute kann man bei solchen Anlässen die Jugendlichen an einer Hand zählen.

Ab 1968 begann vieles Vertraute zu bröckeln. Heute sind Kirchenaustritte bei 18-Jährigen gang und gäbe. Der Glaube ist verdunstet. In dieser Situation wurde ich aufmerksam auf die neuen geistlichen Bewegungen: Fokolare, Bewegung für eine bessere Welt, charismatische Erneuerung, Neokatechumenat. Hier wächst die Freude am Glauben trotz widriger Umstände, weil Gott jeden ohne Vorleistung liebt. Der Glaube wird in der Gemeinschaft gestärkt, wächst durch Beziehung und wird im Leben bezeugt. Als Pfarrer bin ich von der Gemeinschaft des Neokatechumenats getragen und in meinem Charisma als Priester bestätigt. Die Liebe und Einheit der Urkirche werden hier sichtbar.

Viele meiner Weihekollegen haben resigniert, ihre Berufung verloren und ein weltliches Leben eingeschlagen. Wer weiß, wo ich wäre, hätte ich nicht seit 30 Jahren Halt in der Gemeinschaft? Ich hoffe, dass sich in unserem Seelsorgsraum mit fast 40 000 Einwohnern viele von diesem Charisma Stärkung im Glauben schenken lassen.

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