Im Osten Kongos droht eine Katastrophe wie in Darfur

Nicht allein ethnische Konflikte, sondern Interessen um Rohstoffe befeuern die Bürgerkriegskämpfe – Zivilbevölkerung leidet Not – Christliche Organisationen helfen

Aus dem Herzen Afrikas kommen neue Hiobsbotschaften. Die Regierungstruppen des Kongo haben die Stadt Goma im Osten des Landes aufgegeben und sich kampflos zurückgezogen. Die Truppen der Vereinten Nationen (UN), die die Einhaltung eines brüchigen Waffenstillstandes überwachen, gaben den Hilfsorganisationen den Rat, Goma schleunigst zu verlassen und sich jenseits der Grenze nach Ruanda abzusetzen. In der belagerten Stadt brach eine Massenpanik aus. In Erwartung der Einnahme nutzen Hunderttausende die durch die UN geschaffenen „Sicherheitskorridore“ zur Flucht. Nach letzten Meldungen werden die Flüchtlingsströme von den Rebellen zerstreut, um keinen Anlass für eine ausländische Intervention zu geben. Eine medizinische Versorgung für diese Menschen gibt es nach Angaben der Caritas bislang nicht. In der Regenzeit frieren die Menschen und sind durchnässt.

Im Osten des Kongo sind nach Angaben der deutschen Bischofskonferenz 1,6 Millionen Menschen auf der Flucht, ein Flüchtlingsdrama, das nach Einschätzung der Don Bosco Mission in Bonn größer ist als das im sudanesischen Darfur: Die Furcht wächst, dass es zu Plünderungen und Gewalttaten durch abrückende Regierungstruppen kommt. Bereits letzte Woche sind randalierende und betrunkene Soldaten nach Angaben der UN in Privathäuser eingedrungen. Es sei zu Erschießungen und Vergewaltigungen gekommen.

Viele katholische Missionare haben beschlossen, in der seit Monaten umkämpften Stadt auszuharren, obwohl die Lebensumstände immer schwieriger werden. Schon seit Monaten müssen weite Teile der Stadt ohne Wasser und Strom auskommen. Die Flüchtlingscamps vor den Toren der Stadt sind von jeglicher Hilfe abgeschnitten. Aufgrund der anhaltenden Kämpfe ist es nicht möglich, zu den Vertriebenen vorzudringen, um Hilfsgüter wie Lebensmittel und Trinkwasser zu verteilen.

„Beide Seiten nehmen die Zivilbevölkerung als Geisel“, meldete der Leiter des Don Bosco Zentrums in Goma, Pater Mario Perez an die Ordenszentrale in Rom: Solange die Kinder in seiner Obhut, darunter 350 Kriegswaisen, nicht in Sicherheit seien, würden er, ein Mitbruder und vier ausländische Mitarbeiter in der Stadt bleiben. Der katholische Sozialorden unterhält in Goma eine höhere technische Schule, zwei Berufsschulen, eine Küche, ein Heim für Kriegswaisen, ein Auffanglager für Straßenkinder und eine Armenklinik. Da die Salesianer schon lange im Kongo arbeiten und die Verhältnisse kennen, beraten sie überdies internationale Organisationen, soweit diese noch nicht abgezogen sind, bei ihren Hilfsmaßnahmen. Sie betreuen außerdem 5 000 Pygmäen, die zwischen alle Fronten geraten sind.

Die Lage in und um Goma ist ausgesprochen verworren. Schon mehrmals wurde der Fall der Stadt gemeldet. Bisher haben sich die Rebellen unter dem abtrünnigen General Laurent Nkunda an den einseitig ausgerufenen Waffenstillstand gehalten. Die Einnahme der Stadt durch die Rebellen wäre nach Ansicht der Caritas, die 40 Mitarbeiter in Goma hat, ein Desaster.

Auch der Leiter der Don Bosco Mission in Bonn, Jean-Paul Muller SDB, warnte vor einer humanitären Katastrophe, falls die UN-Friedenstruppen keine Anstalten machten, die Zivilbevölkerung vor Übergriffen zu schützen. Solches sei 1994 in Ruanda geschehen, als die UN-Beobachter abrückten und zuließen, dass die Mörder ihre Opfer gnadenlos töteten. 800 000 Tutsi wurden damals von Hutu-Milizen umgebracht.

Die Umstände des Völkermords und seine Auslöser geben bis heute Rätsel auf. Das Gebiet der Großen Seen im Herzen Afrikas galt lange als irdisches Paradies: Die unberührte Natur, die exotische Tierwelt und die Kultur der Menschen, die in manchem Aspekten an die des alten Ägypten erinnert, haben früh Entdecker und Reisende in ihren Bann geschlagen.

Vor mehr als 40 Jahren ist aus dem idyllischen „Land der Vulkane“ ein brodelnder Kessel geworden, der 1994 explodierte. Damals eskalierte der schwelende Rassenkonflikt zwischen Tutsi und Hutus. Der Sieg der Tutsi-Rebellen, die von Uganda und dessen Präsidenten Yoweri Museveni, einem Stammesverwandten, unterstützt wurden, löste eine beispiellose Massenflucht der unterlegenen Hutu aus. Zwei bis drei Millionen Menschen flüchteten in den benachbarten Kivu. Dadurch kippte im Kongo das ethnische Gleichgewicht. Wegen Übergriffen von Hutus kam es zum Aufstand der Banyamulenge, kongolesischen Tutsis. Mit deren Hilfe und der militärischen Unterstützung von Ruanda und Uganda machte Laurent-Désiré Kabila, ein Mitstreiter des kongolesischen Freiheitshelden Lumumba, gegen das korrupte Mobutu-Regime mobil. Nach seinem Sieg im Jahre 1997 vergaß Kabila die Verpflichtungen, die er gegenüber seinen Verbündeten eingegangen war, was zu Unruhen im Ostkongo und vermutlich zu Kabilas Ermordung im Jahre 2001 führte. Unter der Präsidentschaft seines Sohnes Joseph kam es 2002 zu einem Friedensschluss, der mit der Aufnahme der Rebellen in die Zentralregierung besiegelt wurde.

Nun scheint sich das gleiche Szenario zu wiederholen. Mit Unterstützung von Ruanda greift nun der Rebellenführer Laurent Nkunda, ein Tutsi, nach der Macht in Kinshasa. Was vordergründig wie ein Rassen- oder Stammeskonflikt aussieht, hat durchaus einen globalstrategischen Hintergrund. Der Osten des Kongos gilt nämlich als Schatzkammer Afrikas: Kupfer, Gold, Diamanten, Mangan, Uran und Erdöl werden dort abgebaut, was weltweit Interesse weckt. Und wer im Osten Kongos Geschäfte mit diesen reichen Rohstoffvorkommen machen will, der könnte die Stammeskonflikte durchaus für die eigenen Interessen nutzen.

Besonders begehrt ist das Hartmetall Coltan, das als gut leitendes Material in der Hightech- und der Raumfahrtindustrie genutzt wird. Rund achtzig Prozent der bekannten weltweiten Reserven, etwa 60 000 Tonnen, sollen in der umkämpften Kivu-Provinz lagern. Ohne Coltan gäbe es weder Handys noch sonstige Produkte der Unterhaltungselektronik. Vom Handel mit Coltan profitieren sowohl Rebellengruppen wie reguläre Truppenteile der kongolesischen Armee.

Am Fall Ruanda wird auch sichtbar, dass Europäer und Amerikaner Rivalen sind, wenn es um die wirtschaftliche und politische Kontrolle Afrikas geht. Während die Franzosen 1994 die Hutu-Milizen aufrüsteten, finanzierten die Amerikaner die Tutsi-Rebellen, die aus Uganda einsickerten. Die Rivalität zwischen Amerika und Europa in dieser Region spielt bis hinein in die Kulturpolitik. Unter der belgischen Schutzmacht etwa war in Ruanda Französisch Staatssprache gewesen. Nach dem Sieg der Tutsi-Emigranten unter Paul Kagame, der eine US-Militärakademie absolviert hat, wurde Englisch neben der Umgangssprache Kinyarwanda zur dritten Landessprache erhoben.

Tragisch ist die Tatsache, dass dieses Morden gestern in Ruanda und heute im Osten des Kongos in einer Region Schwarzafrikas stattfindet, die sich als eine der ersten der christlichen Botschaft geöffnet hatte. Begünstigt wurde dies dadurch, dass Tutsi wie Hutu an einen gütigen Schöpfergott namens Mwami glauben und Sprache und Kultur teilen. Dieser Missionserfolg schuf paradoxerweise aber auch die Voraussetzungen für den Bruderkrieg. Das subtile Feudalregime, dass es den Tutsi über Jahrhunderte erlaubte, über die Hutus zu herrschen, hatten weder die deutschen, noch die englischen oder belgischen Kolonialherren angetastet. Das taten erst die Missionare, die die Unterwerfung der Hutus als unmoralisch betrachteten und durch ihr Bildungssystem die Grundlage für ein wachsendes Selbstbewusstsein der Hutu legten, die in Ruanda wie in Burundi mehr als 80 Prozent der Bevölkerung stellen. Offen wirft deshalb die Regierung Kagamé der Kirche heute vor, sie trage durch ihre Ausbildung Mitschuld am späteren Völkermord.

Von den blutigen Ereignissen in Ruanda und Burundi wurde die katholische Kirche überrollt. Obwohl auch katholische Bischöfe, Priester und Ordensleute dem Pogrom zum Opfer fielen, blieb die katholische Kirche als Institution während der Ereignisse weitgehend sprachlos. Der Leiter der Bonner Don Bosco Mission verwahrt sich dennoch gegen den Eindruck, Afrikaner seien eben noch nicht „reif“ für das Christentum: „Denken Sie daran, was alles in Europa im Zweiten Weltkrieg oder noch vor ein paar Jahren auf dem Balkan passiert war. Auch da waren Helden die Ausnahme. Wenn das Böse im Menschen einmal durchbricht, ist es nur schwer aufzuhalten.“

Für Jean-Paul Muller SDB sind die Ereignisse von 1994 zum Trauma geworden. Damals hatten sich in der ruandischen Hauptstadt Kigali 2 000 Tutsi vor den organisierten Totschlägern auf das Gelände der Don Bosco Schule geflüchtet, das von belgischen Blauhelmen beschützt wurde. Diese bekamen von der UN den Befehl abzuziehen und die Flüchtlinge ihrem Schicksal überlassen: „Der Hauptmann Luc Lemaire hat später vor einem belgischen Gericht ausgesagt, er habe beim Abzug zunächst nur Choräle gehört, die aus der Kirche drangen. Dann seien Schüsse gefallen – so lange bis die Gesänge verstummten. Wir dürfen nicht zulassen, dass so etwas noch einmal passiert.“ Im Osten Kongos.

Themen & Autoren

Kirche