Im Namen der Sinisierung

Die Kontrolle von Kirchen und Religionen in China wird immer schärfer. Die Partei hat einen Plan zur "Sinisierung" der katholischen Kirche verabschiedet. Von Michael Leh

Die Kommunistische Partei (KP) will die „Sinisierung“ („Zhongguohua“) der katholischen Kirche in China vorantreiben. Wie die katholische Presseagentur „Asia News“ berichtet, haben die „Patriotische Vereinigung der Chinesischen Katholiken“ und der „Rat der Chinesischen Bischöfe“ Ende Mai einen „Fünfjahrplan für die Entwicklung der Sinisierung der Katholischen Kirche in China“ verabschiedet.

Beide Institutionen sind vom Vatikan nicht anerkannt. Einzelheiten des Fünfjahrplans seien noch nicht veröffentlicht. Nach Einschätzung von katholischen Beobachtern deshalb noch nicht, weil man den Vatikan nicht während laufender bilateraler Verhandlungen brüskieren wolle, so „Asia News“. Der stellvertretende Direktor der staatlichen Behörde für religiöse Angelegenheiten, Yu Bo, habe vor den offiziellen Kirchengremien erklärt, es gehe um die „Stärkung des Geistes des 19. Parteitages“ der KP.

Laut „Asia News“ ist die „Sinisierung“ der Religionen und Kirchen ein ständiges Thema, seit Staatspräsident Xi Jinping 2015 bei einem Treffen der kommunistischen „Einheitsfront“ erklärte, dass die Religionsarbeit weiter in Richtung der Sinisierung betrieben werden müsse. Aufgabe der Einheitsfront ist es seit jeher, Nicht-Parteimitglieder „auf Linie“ zu bringen.

Die Abteilung für Einheitsfrontarbeit der KP ist dabei auch für Fragen der Religionspolitik zuständig sowie für das Staatliche Büro für religiöse Angelegenheiten, welches seinerseits die religiösen Organisationen beaufsichtigt. „Ausländische Einflüsse“ sollen beseitigt, Religionsgemeinschaften noch weiter der Partei unterworfen und noch besser kontrolliert werden.

Die Vokabel „Sinisierung“, so darf man wohl schlussfolgern, dient dabei nur zur Bemäntelung und Verschleierung des staatlichen Durchsetzungswillens. Ganz platt geht die KP freilich auch hier nicht vor, wie man einem Bericht der offiziellen staatlichen Zeitschrift „Minzu Bao“ für religiöse und ethnische Themen entnehmen kann. So soll etwa die „Manifestation einer sinisierten Kirche in Architektur, Kunst und Liturgie“ in den Fokus kommen, oder die Geschichte der Kirche(n) in China weiter erforscht werden – sicher mit der entsprechenden Schlagseite.

Angesichts der ideologischen Tarnungen und Finessen tut man gut daran, sich die konkreten Maßnahmen und Verbote aufgrund der neuen Religionsvorschriften genau anzuschauen. Dazu gehört das Verbot für Minderjährige, an Gottesdiensten teilzunehmen oder auch das Verbot, Bibeln im regulären Buchhandel zu erwerben. Gerüchten zufolge, so „Asia News“, wolle die KP auch versuchen, „die Bibel neu zu schreiben“, das heißt auf eine dem Staat genehme Weise neu zu übersetzen. Protestantische Geistliche hätten das schon als „lächerliche Idee“ bezeichnet, doch sollten Christen aufmerksam verfolgen, wenn versucht werde, das Evangelium im Sinne der kommunistischen Ideologie zu interpretieren. Medienberichten zufolge werden Bibeln auch nicht mehr von chinesischen Online-Buchhändlern in ihren Katalogen gelistet. Auch würden auf chinesischen Social-Media-Plattformen wie Weibo und WeChat religiöse Inhalte seit geraumer Zeit massiv zensiert.

Am 1. Februar 2018 traten die revidierten „Vorschriften für religiöse Angelegenheiten“ in Kraft. In dieser Verwaltungsrechtsnorm heißt es in Paragraph 4: „Der Staat (...) leitet die Religionen aktiv dazu an, sich an die sozialistische Gesellschaft anzupassen.“ Und: „Religiöse Organisationen, religiöse Ausbildungsstätten, Stätten für religiöse Aktivitäten und religiös gläubige Bürger müssen (...) die sozialistischen Kernwerte praktizieren (...) und die Stabilität der Gesellschaft wahren.“ Paragraph 5 legt fest: „Religiöse Organisationen, religiöse Ausbildungsstätten, Stätten für religiöse Aktivitäten und religiöse Angelegenheiten dürfen nicht unter der Kontrolle ausländischer Kräfte stehen.“

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