Im Brennpunkt des Nahost-Konflikts

Zwei Wochen vor der Ankunft Benedikts hat die Politisierung der Papstreise längst begonnen

Papst Benedikt XVI. mag sich noch so sehr dagegen sträuben – eine politische Vereinnahmung seiner Pilgerreise ins Heiligen Land wird er wohl nicht ganz verhindern können. Noch bevor das Kirchenoberhaupt seinen Fuß auf israelischen oder palästinensischen Boden gesetzt hat, flackert der Nahost-Konflikt bereits um einen seiner delikatesten Programmpunkte: Den Besuch im „Aida“-Flüchtlingslager in Bethlehem. Zwei Wochen vor dem Eintreffen des Papstes bahnt sich ein Rechtsstreit zwischen israelischem Militär und den palästinensischen Verantwortlichen für das Reiseprogramm an.

Das „Aida-Camp“ liegt direkt an der acht Meter hohen Betonmauer, die Israel zwischen Jerusalem und Bethlehem hat errichten lassen – zum Schutz vor Terroristen. Palästinenser hingegen sehen darin einen zionistischen Wall, der sie für immer von ihrer Hauptstadt Jerusalem abtrennen soll. Kaum jemand macht einen Hehl daraus, dass das relativ kleine Flüchtlingslager genau wegen dieser symbolträchtigen Lage für den Papstbesuch ausgewählt wurde. Pikanterweise fällt dessen Kommen genau auf den Vortag des Gründungstages des Staates Israel am 14. Mai, der von Palästinensern als „Nakba“ (Katastrophe) begangen wird. Die Visite Benedikts XVI., die als Geste der Nähe und des Verständnisses gegenüber den Verlierern des Konflikts gedacht ist, verspricht so um einiges komplizierter zu werden als jene seines Vorgängers im größeren „Daheishe-Camp“ im Jahr 2000.

Die Zufahrt zum „Aida-Camp“ ist gesäumt mit einer langen Reihe naiv-nostalgischer Gemälde von Dörfern im heutigen Israel. „Das sind die Orte, aus denen unsere Eltern 1948 von den Israelis vertrieben wurden“, erklärt Issa Karaka. Der 45-Jährige wird das Kirchenoberhaupt am 13. Mai am Ende seines Tages in Bethlehem durch das Flüchtlingslager begleiten. Dabei werden sie auch durch ein hohes Tor fahren, dessen oberer Querbalken aus einem überdimensionalen Schlüssel besteht – Symbol für die Häuser, die insgesamt 750 000 Palästinenser durch die Schaffung des Staates Israel verloren haben. Das Rückkehrrecht, das die Flüchtlinge einfordern, gehört zu den umstrittendsten Punkten im Nahost-Friedensprozess. Im „Aida-Camp“ leben rund 5 000 Menschen. Ihren Status als Flüchtlinge haben sie bis heute nicht aufgegeben: Er wird in den UNO-Karteien sozusagen von Eltern auf Kinder weitervererbt. Aus den einstigen Flüchtlingszelten sind inzwischen jedoch längst feste Häuser geworden, in denen die Bewohner zwar relativ beengt aber doch unter ähnlichen Bedingungen leben wie die restliche Bevölkerung Bethlehems – vergleichbar mit einem Vorort mit sozial schlechter gestellten Einwohnern. Der Bau der israelischen Sperrmauer hat das Lebensniveau im Camp zusätzlich sinken lassen: Die Arbeitslosigkeit ist in die Höhe geschnellt, die Bewegungsfreiheit wurde stark beschränkt. Viele Bewohner waren seit langen Jahren nicht mehr im benachbarten Jerusalem. Auch die weitläufigen Olivenhaine hinter dem Stadtrand, früher Spielplatz für die Kinder, sind unerreichbar hinter den riesigen Betonwänden des Sperrwalls verschwunden.

Der Besuch des Papstes ist für diese „Menschen am Rande“ ein einmaliges Ereignis – auch wenn das Camp selbst fast zu hundert Prozent muslimisch ist; nur eine Handvoll christlicher Familien lebt in der unmittelbaren Nachbarschaft. „Es fühlt sich an, als stünden wir auf einmal mitten in einem Scheinwerfer“, sagt eine Frau. Eine Stunde sieht das Programm der Papstreise für das Flüchtlingslager vor – 60 Minuten, die die Bewohner gut nutzen wollen, um dem hohen Gast ihre Sicht auf den Nahost-Konflikt zu vermitteln. „Für uns ist der Papst eine anerkannte moralische Autorität“, erklärt Samir Atah vom Vorbereitungskommitee – „und sein Besuch gibt uns die einmalige Möglichkeit, der Weltöffentlichkeit etwas von unserem Leben und Leiden zu zeigen.“

Die Fahrt des Kirchenoberhauptes durch das Camp soll schließlich direkt vor der israelischen Sperrmauer enden, die – wie fast überall auf der Bethlehemer Seite – mit politischen Slogans oder Karikaturen bemalt ist. Im Schatten eines israelischen Wachturms und direkt unter dem Bild einer von einem Stacheldraht eingezäunten Friedenstaube wird seit Tagen fleißig an einer steinernen Tribüne gebaut, auf der Benedikt XVI. gemeinsam mit Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas und anderen Würdenträgern ein buntes Programm aus Tänzen und Ansprachen vorgeführt bekommen soll. Der Platz wurde nach Auskunft des kirchlichen Verantwortlichen für die Etappe in Bethlehem, Majdi Sirjani, aus „logistischen Gründen und in Übereinstimmung mit der vatikanischen Delegation“ ausgewählt: Es sei der einzige Ort im Camp, auf dem genügend Platz für mehrere tausend Menschen sei. Außerdem werde der freie Streifen zwischen einer UNO-Schule und der Mauer sowieso des öfteren für kulturelle Veranstaltungen genutzt, so der Priester. Tatsächlich sind die hohen Betonplatten an einer Stelle weiß gestrichen worden, um als Leinwand für Freilichtkino zu dienen.

Auch wenn es offiziell nicht Ziel der Ortswahl ist – die medienwirksame Idee, das Kirchenoberhaupt genau vor das „Schandmal“ des israelisch-palästinensischen Konflikts zu setzen, dürfte bei der Entscheidung auch eine Rolle gespielt haben. Auf israelischer Seite jedenfalls beobachtet man die Vorbereitungen im Lager mit wenig Vergnügen. „Diese Politisierung entspricht nicht dem Geist der Pilgerfahrt des Papstes“, sagte Miki Galin, Offizier bei der „Zivilverwaltung“ des israelischen Militärs im besetzten Westjordanland. Die Zivilverwaltung hat nun beschlossen, einzugreifen, denn wenn auch das „Aida-Camp“ selbst im so genannten „A-Gebiet“ und damit unter voller palästinensischer Verwaltung ist – der Streifen entlang der Mauer ist „C-Gebiet“ und fällt damit unter israelische Verantwortung. Daher – darauf weist das israelische Militär hin – hätten die Palästinenser für den Bau der Tribüne eine israelische Genehmigung einholen müssen. Per Gerichtsbeschluss wurde nun für die Konstruktion ein sofortiger Baustopp verfügt. Die Verantwortlichen haben für Donnerstag kommender Woche eine Gerichtsvorladung bekommen.

Die Nachricht hat in der palästinensischen Bevölkerung empörte Reaktionen ausgelöst: „Zuerst schneiden sie uns mit der Mauer von unserem Grund und Boden ab, und dann gestehen sie uns nicht einmal das letzte Stück freie Fläche zu, das uns bleibt“, beschreibt ein Mitglied des Organisationskommitees die Stimmung. Die Verantwortlichen in der Palästinensischen Autonomiebehörde haben in einer Eilsitzung verfügt, dass die Tribüne trotz der Anweisung aus Israel zunächst weitergebaut werden solle. Der Koordinator des Papstbesuchs in Bethlehem, der christliche Minister für kommunale Angelegenheiten Siad El-Bandak, hält sich jedoch bedeckt: „Wir suchen nach einer Lösung für dieses sehr komplexe Problem“. Haupsorge der Palästinenser sei es, den Heiligen Vater „würdig in dem Flüchtlingslager begrüßen zu können“. Schlimmstenfalls werde man auf einen anderen Platz ausweichen.

Auch in der israelischen Regierung bemüht man sich darum, die Angelegenheit nicht zu hoch kochen zu lassen: Israel werde dafür sorgen, dass der Papstbesuch glatt ablaufe, erklärt ein Sprecher des für die Organisation verantwortlichen Tourismusministers. Was auch immer das heißen mag. Ebenfalls ein Wörtchen in der Angelegenheit mitzureden hat der Vatikan. Nuntius Antonio Franco ist dabei sicher der Letzte, der Interesse an einem Skandal schon vor Beginn der Papstreise hat. Es ist daher gut möglich, dass die Kirchendiplomaten darauf drängen werden, für das Treffen auf den benachbarten Schulhof oder einen anderen „unverdächtigeren“ Ort auszuweichen. „Wie auch immer die Entscheidung ausfällt“, meint dazu Minister El-Bandak trocken – „die Mauer wird der Heilige Vater ohnehin sehen – so oder so.“

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