Im Blickpunkt: Zeitgemäße Prioritäten

Von Regina Einig

Gegen die Macht der Gewohnheit anzukämpfen fällt dem etablierten Katholizismus in Deutschland außerordentlich schwer. Das Echo auf die Ernennung des Präfekten der Glaubenskongregation spiegelt einen grenzwertigen, aber hierzulande durchaus typischen Stil. Nach der Maxime, es ist leichter über die Leute zu reden als mit ihnen, ist der Name des „Neuen“ rasch in Schablonen gepresst worden. Das kostet unbedachte Stimmen innerhalb und außerhalb der Kirche weder Recherche noch Zeit zum Nachdenken.

Die Folge sind Zerrbilder eines konservativen Hardliners an der Spitze der Glaubenskongregation oder gar unausgegorene Spekulationen über dessen Nachfolge auf dem Regensburger Bischofsstuhl. Zeitgemäßer wäre die Frage, wie die neue Personalkonstellation in der Glaubenskongregation für eine Reform der Kirche und die Neuevangelisierung gerade nördlich der Alpen fruchtbar gemacht werden kann. Das Gejammer über den vermeintlichen römischen Zentralismus trägt dazu ebenso wenig bei wie das Gegeifer der Piusbrüder über die jüngste römische Personalie.

Viele Reaktionen erinnern auf beklemmende Weise an den Umgang der Deutschen mit Kardinal Ratzinger: Dem Präfekten der Glaubenskongregation schlug während seiner Amtszeit aus der Heimat ein geballtes Maß an antirömischer Besserwisserei entgegen. Die Fixierung auf Reizthemen hat dem deutschen Katholizismus geschadet und eine eher lähmende Wirkung entfaltet. Es wäre fatal, wenn sich dieses Verhaltensmuster in der Ära Müller wiederholen würde. Schon jetzt registrieren nicht nur katholische Christen allerorten befremdet, wie dürftig die Solidarität mit Papst Benedikt nördlich der Alpen ausfällt. Die Weltkirche tickt anders. Sie hat auch andere Sorgen als ein Wiederaufleben alter Gemeinplätze. Gerade in dieser Woche hat das Verschwinden eines romtreuen Weihbischofs in China erneut gezeigt, dass eine wohlhabende und international noch immer relativ gut vernetzte Ortskirche wie die deutsche dringend gebraucht wird – etwa, um den bedrängten Christen weltweit unter die Arme zu greifen. Angesichts der Energien, die in diesen Tagen in kirchenpolitische Nebenschauplätze investiert werden, lohnt es sich, über die zeitgemäßen Prioritäten nachzudenken. Die verfolgten Christen verdienen mehr öffentliche Aufmerksamkeit. Und der biblische Auftrag, das Evangelium zu verkünden und eins zu sein, verpflichtet umso mehr, je geringer die Zahl der gläubigen Christen hierzulande wird.

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