Im Blickpunkt: Was die Kirche nicht braucht

Von Guido Horst

Es ist alles andere als ein erhebendes Thema – aber in Rom hat es wieder für Aufsehen gesorgt: die angeblichen Homo-Seilschaften im Vatikan (siehe Seite 4). Selbst der Substitut im Staatssekretariat hat sich eingeschaltet. Meist sind es Boulevardblätter oder eher kirchenkritische Zeitungen, die das Thema wie ein verdorbenes Süppchen vor sich hinköcheln lassen. Aber selbst Papst Franziskus hat im Sommer gegenüber Ordensleuten bestätigt, dass es diese Seilschaften in der Kurie gibt. Nicht nur das Thema ist glatt und glitschig, sondern auch die Gerüchte und das Gerede, die sich darum ranken. Es gibt Prälaten, die den Spitznamen „Jessica“ tragen, weil man ihnen nachsagt, nicht nur dem eigenen Geschlecht zugeneigt zu sein, sondern dies auch sexuell auszuleben. Selbst ernstzunehmende Vatikan-Experten berichten von „Katalogen“, in denen sich Kleriker des Vatikans junge Soldaten der Schweizer Garde als mögliche Opfer ihrer Lust aussuchen können. Aber es geht nicht nur um bösartige Gerüchte. Manche der Prälaten, die sich nachts in der Nähe des Schwulen-Strichs am Circus maximus herumtreiben, sind aktenkundig – weil die Polizei einschritt. Das schadet der Kurie, damit der ganzen Kirche, und empfindsamen Seelen kann sich schon der Magen umdrehen, wenn man einem der „Monsignori“, die – zu Recht oder zu Unrecht – jenen famosen Spitznamen „Jessica“ tragen, am Altar stehen sieht.

Man kann nur hoffen, dass es stimmt, was der vatikanische Substitut, Erzbischof Angelo Becciu, gegenüber „La Repubblica“ versicherte: dass der Vatikan jedem begründeten Verdacht auf eine Homosexuellen-Seilschaft in Kurienkreise nachgehe. Denn es wäre am besten, könnte sich der Vatikan von dem Thema ganz verabschieden. Es taucht in den Medien immer wieder auf, um etwas Häme gegen die Kirche zu versprühen und gerade ihr Zentrum in Rom der Doppelmoral zu zeihen. Außerdem ist es ein Schlag ins Gesicht der weitaus größeren Mehrheit von Klerikern, die unbescholten ihren Dienst an der Kurie tun und sich um ein heiligmäßiges Leben mühen, wie es von jedem Getauften, ob Laie oder Geweihter, verlangt wird. Nicht über das Ausleben schlechter Neigungen in der Kirche soll man munkeln, sondern über Beispiele gelebter Hingabe und Heiligkeit – gerade innerhalb der Kurie und ihrer Dikasterien. Da hat der Vatikan Nachholbedarf. Sonst hätte es „Vatileaks“ und seine schädlichen Folgen nie gegeben.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann