IM BLICKPUNKT: Viel neue Arbeit für die Kirche

„Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung widerspricht dem ärztlichen Ethos.“ So steht es in den Grundsätzen der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung. Ein Satz, der – so konnte man meinen – auch in Stein gemeißelt hätte sein können. Seit Mitte der Woche ist klar, dass wer so dachte, einem Irrtum aufsaß. Denn der Präsident der Bundesärztekammer Jörg-Dietrich Hoppe ist nicht länger bereit, das ärztliche Ethos gegen jene Kollegen zu verteidigen, die sich eine andere Berufsauffassung zugelegt haben und den „ärztlich assistierten Suizid“ oder gar die „Tötung auf Verlangen“ für vereinbar mit dem Arztberuf halten. Wer so denkt, gehört zwar einer Minderheit an; laut Umfragen lehnen zwei Drittel der Ärzte bereits die Legalisierung des ärztlich assistierten Suizids entschieden ab. Doch präsentieren sich die Anführer des übrigen Drittels – hofiert von Medien, die jeden Tabubruch für eine berichtenswerte Sensation halten – derzeit so, als könnten sie vor Kraft kaum laufen. Dass ein Ärztekammerpräsident da nicht mit dem Entzug der ärztlichen Approbation drohen mag, zumal Beihilfe zum Suizid in Deutschland – anders als in Österreich – nicht verboten ist – kann man noch verstehen. Dass er aber für eine Änderung der Grundsätze und eine Formulierung wirbt, die auf das Gewissen des Arztes abstellt, ist nicht nur taktisch ein Fehler, sondern stellt auch Dinge auf den Kopf, für die Hoppe gar nicht zuständig ist. Der Ärztekammerpräsident kann darauf verzichten, Kollegen mit dem Knüppel des Standesrechts zu begegnen, wo das Strafrecht ihnen freie Hand lässt. Aber er kann ihnen nicht erlauben, sich auf ihr Gewissen zu berufen, wenn sie Patienten beim Selbstmord unterstützen. Denn ein Arzt, der meint, er könne es mit seinem Gewissen vereinbaren, einem Patienten beim Selbstmord zu assistieren, offenbart lediglich ein ungebildetes Gewissen. Auf ihn trifft in diesem Punkt zu, was der polnische Aphoristiker Stanislaw Jerzey Lec allgemeiner formulierte, als er schrieb: „Sein Gewissen war rein, er benutzte es nie.“

Das Gewissen ist, wie der jetzige Papst in „Wahrheit, Werte, Macht“ erklärt, nämlich kein „Entschuldigungsmechanismus“, sondern „das Fenster, das dem Menschen den Durchblick zur gemeinsamen, uns alle gründenden und tragenden Wahrheit öffnet“. Der Sinn für das Wahre und Gute sei dem Menschen zwar eingeprägt, doch brauche es Hilfe von außen, um zu sich zu kommen. Wenn das Standesrecht diese Hebammenfunktion für den Arzt nicht mehr wahrnimmt, kommt auf die Kirche viel neue Arbeit zu.

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