Im Blickpunkt: Symbolfigur in der Diaspora

Zufall oder Fügung? Die Ermordung des Vorsitzenden der Türkischen Bischofskonferenz Luigi Padovese am Donnerstag fiel zeitlich nahezu zusammen mit dem Appell der Unionsfraktion an Ankara, die Grundrechte der christlichen Minderheit zu achten. Auch wenn unklar ist, inwieweit der Bischofsmörder aus religiösen Gründen gehandelt hat, rückt die Tat die leidvolle Situation der Christen in der Türkei erneut in den öffentlichen Fokus. Für viele Gläubige war Bischof Padovese Gesicht und Stimme der katholischen Kirche in der Türkei. Und eine Symbolfigur christlichen Selbstbehauptungswillens: Nach mehreren Anschlägen auf Christen in der Osttürkei blieb er. Dieses Durchhaltevermögen brachte ihm Respekt ein – und stärkte die Solidarität mit Christen aus den ehemaligen Ostblockländern wie dem Kölner Kardinal Joachim Meisner.

Der Alltag des ehemaligen Professors für Patristik und Alte Kirchengeschichte führte nicht zuletzt den missionsmüde gewordenen Christen in Westeuropa vor Augen, was das Evangelium wert ist: Ein Leben unter ständigem Polizeischutz, das Wissen um Morddrohungen gegen Priester und schikanöse Postkontrollen, die seine wissenschaftliche Arbeit behinderten. Die ordentliche Seelsorge in der Türkei hängt seit Jahrzehnten von ausländischen Priestern und Ordensleuten ab: Der Bischof aus Italien verkörperte den bitteren Mangel an einheimischem Klerus.

Polyglott und liebenswürdig verstand er sich auf die Kunst des Mahnens: Seine Skepsis gegenüber einem Beitritt der Türkei in die Europäische Union äußerte sich nie polemisch, aber stets nachvollziehbar. In der katholischen Kirche in Deutschland war er seit seiner Studienzeit gut vernetzt und gewann kirchliche und politische Unterstützung für den zermürbenden Konflikte mit den Behörden in Ankara. So wäre der Versuch, die Pauluskirche in Tarsus wieder als liturgischen Raum nutzen zu dürfen, ohne Bischof Padovese wohl kaum einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Dass sich in dem Prestigeprojekt Tarsus bis heute keine akzeptable Lösung abzeichnet, gehört zur Tragik seines Lebens.

Die Zahl der international gewichtigen Stimmen, auf die Christen in der Türkei zählen können, ist überschaubar geworden. Doch gilt Religionsfreiheit in der Union als eines der wenigen noch konsensfähigen Kirchenthemen. Man darf gespannt sein, ob die derzeit übertrieben mit sich selbst beschäftigte katholische Kirche in Deutschland die ausgestreckte Hand der Politik ergreift oder diese Chance auf dem Altar eines unbedacht geführten interreligiösen Dialogs opfert. Regina Einig

Themen & Autoren

Kirche