Im Blickpunkt: Seltener Gast im Vatikan

Spaniens Ministerpräsident José Luis Zapatero hätte sich wohl am liebsten die Ohren zugeklappt, als der Papst ihn am Donnerstag indirekt auf den Sündenfall der sozialistischen Regierung ansprach. Jedenfalls erwähnte er gegenüber Journalisten mit keiner Silbe, dass Benedikt XVI. ihn an die Heiligkeit des Lebens von der Empfängnis an erinnert hatte. Es war Zapateros zweites Gespräch im Vatikan nach seinem Antrittsbesuch 2004. Begegnet waren sich Papst Benedikt und der Ministerpräsident zuvor beim Weltfamilientreffen in Valencia 2006 – und schon damals hing der Haussegen zwischen dem militanten Laizisten und der Kirche schief. Die Einführung der sogenannten „Homo“-Ehe in Spanien, die Expressscheidung und die Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes gehen auf das Konto der Ära Zapatero. Ein geplantes Gesetz zur Religionsfreiheit hängt wie eine Gewitterwolke über der iberischen Halbinsel, deren Grollen bis ins politische Lateinamerika hinüberdringt.

Dennoch standen die Zeichen im Vorfeld des Besuchs auf Entspannung. Die parlamentarische Linke zog ihren Antrag zurück, die Äußerungen von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone zur Homosexualität öffentlich zu verurteilen. Auch der politischen Linken dämmert, dass sie die Bevölkerung von ungelösten wirtschaftlichen Problemen nicht mit antikirchlicher Rhetorik ablenken kann. Die spanischen Steuerzahler haben den auf freiwillige Abgaben angewiesenen Diözesen 2009 mehr Geld zukommen lassen als je zuvor. Gemessen an den sprunghaft gestiegenen Anfragen an die Caritas ist das zwar finanziell gesehen bedeutungslos. Doch als Vertrauensbeweis einer säkularisierten Öffentlichkeit kam dieses Signal zur rechten Zeit. Vor den geplanten Besuchen des Heiligen Vaters in Barcelona, Santiago de Compostela im November und dem Weltjugendtag 2011 sind im Madrider Regierungsviertel versöhnlichere Töne in Richtung Rom zu hören. Ohne Herzlichkeit, aber immerhin um Professionalität bemüht, denn kein europäisches Land – außer Italien – taucht auf der päpstlichen Reiseagenda so häufig auf wie Spanien. Falls Zapatero im nächsten Sommer noch im Amt ist und den Papst in der Hauptstadt begrüßt, wird er Mühe haben, neben dem Gast nicht als Versager zu erscheinen. Niemand leidet stärker unter Arbeitslosigkeit, Zeitverträgen und schlechter Bezahlung als die jungen Spanier. Zwei Millionen Jugendliche, die den Papst als Hoffnungsträger in einem wirtschaftlich und politisch destabilisierten Land feiern – das ist kein frommes Szenario und erst recht keine Wahlempfehlung für die Linke. Auch den Sozialisten ist das klar. Regina Einig

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