Im Blickpunkt: Reformfaktoren Glaube und Amt

Von Regina Einig

Sechs Monate sind zwar nur ein verhältnismäßiger kurzer Zeitraum für die Umsetzung einer Reform, doch als am 8. Dezember die neue Verfahrensordnung für Ehenichtigkeitsprozesse in Kraft trat, lag Eile als Zielvorgabe nahe. Unmissverständlich hatte der Papst seine Absicht geäußert, mit kürzeren Wartezeiten und rascheren Entscheidungen allen Geschiedenen entgegenzukommen, die ein Ehenichtigkeitsverfahren in Betracht ziehen. Dass Papst Franziskus die Reform vor der Weltbischofssynode im Oktober traf, ohne seine Mitbrüder noch einmal zu konsultieren, unterstrich, wie sehr ihm an einer zügigen Änderung der Verfahrensordnung lag. Nicht alle düsteren Prognosen sind seitdem wahr geworden. Die Sorge, die Unauflöslichkeit des Ehesakramentes werde durch inflationäre Annullierungen beschädigt und eine „Scheidung-auf-katholisch“-Mentalität beflügeln, lässt sich zumindest in Westeuropa nicht begründen. In den säkularisierten Gesellschaften verblassen die Reformfaktoren, die den Impuls des Papstes erst dauerhaft fruchtbar machen könnten: In erster Linie der Glaube, dass die im Katechismus enthaltenen Aussagen zum Ehebruch tatsächlich wahr sind und es erstrebenswert ist, eine irreguläre Situation vor Gott und der Kirche in Ordnung zu bringen, weil eine persönliche Gewissensentscheidung nicht ausreicht.

Wenn die Reform aus Sicht des Papstes nun zu schleppend verläuft (Seite 4), liegt das zu einem Teil an der Ohnmacht der Bischöfe. Selbst praktizierende Katholiken gestehen der Kirche heute immer seltener ein Urteil über das sensible Feld Ehe und Familie zu – und diese Haltung beschränkt sich nicht auf den Umgang mit kirchlichen Gerichten.

Andererseits zwingt die Neuordnung der Ehenichtigkeitsverfahren nicht wenige Bischöfe dazu, sich neu mit ihrem Amt auseinanderzusetzen. Dass katholische Bischöfe traditionell nicht nur Seelenhirten und Sakramentenspender, sondern auch Richter sind, entspricht dem binnenkirchlich erwünschten Bischofsprofil vielerorts nicht. Als Moderatoren und Teilnehmer eines Dialogs auf Augenhöhe willkommen, verkörpert der Bischof als Richter Entscheidungskompetenzen, die nicht alle im Gottesvolk ihren Hirten zugestehen. Und auch vielen Hirten selbst ist diese Rolle innerlich fremd.

Auch wenn etliche Fragen in bezug auf die neue Verfahrensordnung nach wie vor offen sind: Amt, Autorität und Sakramentenverständnis stehen seitdem erneut auf der Themenliste der dringend notwendigen Katechesen – und das nicht nur für Geschiedene.

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