Im Blickpunkt: Menschlicher lieben

Von Markus Reder
Leitartikel: Die Unruhe wächst

Das Kondom zählt mit Sicherheit nicht zu den Top Ten des Glaubens. Und doch, wann immer ein Bischof oder – wie in diesem Fall – der Papst das Wort in den Mund nimmt, rast das durch die Medien. Bräuchte es einen Beleg für die „Fixierung auf das Kondom“, vor der Benedikt XVI. in jener berühmt gewordenen Interviewpassage warnt, das wäre er. Im Blick auf Aids hat der Papst von „begründeten Einzelfällen“ gesprochen, in denen die Verwendung eines Kondoms zur Vermeidung einer HIV-Infektion ein erster Schritt sein könne „auf dem Weg hin zu einer anders gelebten, menschlicheren Sexualität“. Mit dieser Äußerung hat Benedikt XVI. den moraltheologischen Diskussionen um diese Frage keine letztverbindliche Klärung, aber eine Richtungsweisung gegeben. Doch mehr noch, und darüber wird bezeichnenderweise nicht gesprochen: Der Papst hat vor allem klar gemacht, warum die Kirche entschieden für eine positive Sicht menschlicher Sexualität kämpft. Wo Sex nur einen schnellen Kick bedeutet, da wird er in der Tat zur selbstzerstörerischen Droge, die tödlich ist – für die Liebe und für den Menschen. Benedikt erklärt dagegen: Sexualität ist etwas Positives, Großes, Wertvolles, letztlich Heiliges, das den ganzen Menschen betrifft und bereichert. Weil es aber um etwas derart Wichtiges geht, braucht es einen dem Menschen gemäßen Umgang damit.

Das ist ein radikaler Gegenentwurf zu jener Trivialisierung und Banalisierung der Sexualität, von der Titelseiten an jedem Zeitungskiosk zeugen. Im Kondom hat diese Banalisierung ihr Symbol gefunden. Doch ein Gummi löst weder die Aids-Problematik, noch ist er die Antwort auf alle Fragen zur menschlichen Sexualität – auch wenn er Jugendlichen im Sexualkundeunterricht heute so „verkauft“ wird.

„Wer zweimal mit der Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment“: Dieser Ungeist der 68er hat unzählige Menschen seelisch kaputt und körperlich krank gemacht. Er giftet noch heute durch das Bewusstsein und prägt Mentalitäten. Für die Protagonisten der sexuellen Revolution war Sex nicht bedeutungsvoller als der nächste Schluck Rotwein oder die nächste Zigarette. Das entwürdigt den Menschen und zerstört Beziehungen. Die Kirche stellt dem eine völlig andere, positive Sicht von Sexualität entgegen. Dramatisch ist freilich, dass das Befreiende daran heute so wenig verstanden wird. Für viele Jugendliche bedeutet die Pubertät wegen des Themas Sex den beginnenden Bruch mit der Kirche. Ein Bruch, der im späteren Leben oft nicht mehr zu heilen ist. Das darf die Kirche nicht ruhen lassen. Sie muss mutig und offensiv, verständlich und ohne rote Ohren erklären, worauf es ihr ankommt: Eben nicht Spaßbremse zu sein, sondern die Liebe zu retten. Liebe und Hingabe gehören zu den Top Ten des Glaubens.

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