Im Blickpunkt: Kein Generalverdacht

Von Johannes Seibel

Ebenso entschieden, wie die Deutsche Bischofskonferenz Missbrauchsfälle in der Kirche wissenschaftlich erforschen lässt, muss sie öffentlich unmissverständlich ihre heutigen Priester vor einem Generalverdacht schützen: Denn bei den zwei Forschungsprojekten, die jetzt vorgestellt wurden, werden mehr als 100 000 Personalakten von Geistlichen seit Ende des Zweiten Weltkriegs untersucht. Eine solche umfangreiche freiwillige Öffnung von Akten für nicht-kirchliche Institutionen mit kriminologischer Kompetenz auch ohne konkrete strafrechtliche Verdachtsmomente ist in der Geschichte des Landes einmalig. Das ist ein großer Vertrauensvorschuss der katholischen Kirche gegenüber der Öffentlichkeit, der nicht missbraucht werden darf. Nichts wäre fataler, als wenn während der andauernden Forschungsarbeit etwa Zwischenstände, Teilergebnisse oder Zitate von Mitarbeitern in den Medien öffentlich würden – durchgestochen von wem auch immer. Das heißt weiter: Während die Forschung läuft, sollten sich alle Gruppen innerhalb der Kirche eine Art kirchenpolitisches Moratorium freiwillig auferlegen: Nämlich solange nicht mehr das Thema Missbrauch in Verbindung mit aktuellen Debatten um den zukünftigen Weg der römisch-katholischen Kirche in Deutschland zu bringen, gerade wenn es etwa um den Zölibat oder Sexualmoral geht, bis endgültige Studien-Ergebnisse vorliegen. Nur wenn der jetzt eingeschlagene Weg der „ehrlichen Aufklärung“ – zu dem es keine Alternative gibt – mit höchster Seriosität, Professionalität und Ernsthaftigkeit gegangen und allen Versuchungen zur Instrumentalisierung widerstanden wird, kann es für alle Beteiligten ein heilsamer sein. Mit Blick zuerst auf die Opfer und dann auch auf ihre Priester hat die Deutsche Bischofskonferenz eine Verantwortung übernommen, wie sie sie bisher selten zu tragen hatte.

Mut macht, dass die säkulare Öffentlichkeit mittlerweile signalisiert, dass für sie Missbrauch von unter 18-Jährigen kein kirchliches Sonderproblem ist, sondern alle angeht. Am gleichen Tag, als die Bischofskonferenz ihre Projekte vorstellte, hat auch Christine Bergmann, die Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs der Bundesregierung, eine Studie mitveröffentlicht, die das erschreckende Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in Schule und Familie thematisiert. Wenn jetzt noch beispielsweise die Sportverbände ihre Zurückhaltung aufgeben, das Thema anzugehen, dann kann tatsächlich eine breite gesellschaftliche Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Minderjährige beginnen.

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