Im Blickpunkt: Geschiedene nicht übergehen

Von Regina Einig

Dreißig Jahre nach dem Erscheinen des Schreibens Familiaris Consortio hat Benedikt XVI. auch die Situation der wiederverheirateten Geschiedenen im Blick. Ungeachtet des im Vorfeld seiner Deutschlandreise gezielt aufgebauten öffentlichen Drucks, in der Heimat zur Situation der wiederverheirateten Geschiedenen Stellung zu nehmen, hat der Heilige Vater nun auf seine Weise reagiert: Sachlich und unaufgeregt. Dass der Osservatore Romano einen kaum bekannten Text Kardinal Ratzingers, damals Präfekt der Glaubenskongregation, in mehreren Sprachen gleichzeitig publiziert (DT 1. Dezember) ist ein eher ungewöhnlicher Vorgang. Stil und Inhalt legen nahe, dass Benedikt XVI. keinen Spielraum für dogmatische Neubewertungen in puncto Zulassung zur Eucharistie sieht. Dass der Vatikan nun einen mehrere Jahre alten Text ins Licht rückt, ist keine zynische Geste, sondern Ausdruck eines Dilemmas. In den hierzulande oft mantraartigen wiederholten Forderungen nach Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion spiegelt sich kaum nur lauteres seelsorgliches Interesse, sondern auch ein gerütteltes Maß an Gleichgültigkeit und fehlender Aufmerksamkeit innerhalb der Ortskirchen.

Sähe man endlich davon ab, die Frage der Barmherzigkeit faktisch am Kommunionempfang festzumachen, könnte sich in vielen Pfarreien noch einiges bewegen. Einzelsegens statt Kommunionempfangs, die geistliche Kommunion, Fürbitten für Alleinstehende, Gebetskreise und Hilfen für Alleinerziehende sind in den meisten Gemeinden nicht so selbstverständlich, dass darüber kein Wort mehr zu verlieren wäre – und warum nicht auch in einem Hirtenbrief? Die Bischofskonferenz kommt hierzulande meist nicht über vage Absichtserklärungen zur Dialogbereitschaft und inhaltlich unscharf gehaltene Forderungen nach Barmherzigkeit hinaus.

Eine gemeinsame Erklärung deutscher Hirten, aus der hervorgeht, was man sich nun konkret unter einem barmherzigeren Umgang mit Geschiedenen vorstellt, hat es auch seit der Veröffentlichung von Familiaris Consortio nicht gegeben. Sie ist wohl auch künftig nicht zu erwarten, dafür ist der Episkopat weltanschaulich zu zersplittert. Das Vorpreschen einzelner Bischöfe ersetzt aber die seriöse theologische Auseinandersetzung nicht. Bei so viel geballter Unverbindlichkeit überrascht es nicht, dass sich ein Papst vom intellektuellen Kaliber Benedikts XVI. bei Besuchen in seiner Heimat nicht über die lautstark geforderten regionalen Sonderwege äußern mag.

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