Im Blickpunkt: Freiheit auf Knien

Von Regina Einig
Gebete für den Papst in Köln
Foto: dpa | Mit dem Gebet an den kulturellen Grundlagen festhalten.

Ein Jahr voller Ratschläge geht zu Ende. Die Kölner Silvesternacht eröffnete eine Plattform für mehr oder weniger weise Wortmeldungen zu der Frage, wie eine liberale Gesellschaft auf die Übergriffe rund um den Hauptbahnhof reagieren solle. Dabei geriet der Prüfstein Religionsfreiheit rasch in den Hintergrund. Zu Unrecht, denn nicht nur Partymeilen beleben Innenstädte, sondern auch Kirchenbesucher. Gerade in Köln, einer Pilgermetropole mit herausragenden Gotteshäusern und Wallfahrtszielen, bedeutet es Lebensqualität, dass Familien mit Kindern unbesorgt Krippen anschauen können und Ministranten und Chorsänger Abendtermine in der Innenstadt nicht absagen. Unterwerfung beginnt, wenn sich die Angst vor Männern, „die noch nicht so lange da sind“, auf die geistliche Agenda der Gläubigen auswirkt. Dass sich seit der Kölner Silvesternacht manche Rheinländer zweimal überlegen, ob sie ihr Auto für die Dauer einer Messfeier vor einem Gotteshaus parken oder abends allein ein Konzert im Dom besuchen, ist traurig, aber wahr.

Andererseits hat die von dem emeritierten Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner ins Leben gerufene 24-Stunden-Anbetung in der Kapelle des Kölner Maternushauses gezeigt, dass gläubige Christen ohne schrille Töne und gut gemeinte Sprüche einen Beitrag zur Weltoffenheit leisten können. Für die Freiheit des Christenmenschen zählt auch hier in erster Linie das Beispiel. In Köln und anderen westlichen Metropolen ist die eucharistische Anbetung nachts nicht ausgesetzt worden. Auf friedliche Weise weigern sich Beter, sich religiös einzuschränken und ihren geistlichen Lebensstil zu verändern. Ein wichtiges Signal, denn der Mut, sich auf den Weg für eine stille Nachtstunde vor dem ausgesetzten Allerheiligsten zu machen, sagt viel über die Wurzel echter innerer Unabhängigkeit aus. Für Christen beginnt sie auf Knien vor ihrem Herrn. Der Glaube, dass das Gespräch mit dem eucharistisch anwesenden Gott das Leben in einer Metropole wie Köln auf Dauer positiver verändert als verweltlichte Rituale der sogenannten Willkommenskultur, braucht der Stadtbevölkerung auch nicht vorenthalten werden. Der Kölner Anbetungskreis ist ein Modell zur Neuevangelisierung in der Großstadt: Mit einem Jahresschlussamt zu später Stunde und anschließendem eucharistischen Segen öffnet die katholische Kirche auch Berufstätigen und Spontanbesuchern die Tür zur Begegnung mit dem Gott der Christen. Unpolemisch und in aller Stille – geredet worden ist im Jahr 2016 ja genug.

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