Im Blickpunkt: Frei reden, ja, aber bitte klug

Von Guido Horst

In Österreich hat ein prominenter Bischof Kritik an einem der beiden Präsidentschaftskandidaten geäußert und kräftig gegen katholische Verbände vom Leder gezogen, die sich empfehlend für den anderen ausgesprochen hatten. In Berlin hat ein prominenter katholischer Autor gegen den eigenen Papst polemisiert, ihn als Relativierer bezeichnet, der „törichte Thesen“ von sich gibt und „am Katholischen relativ“ desinteressiert sei. Bei der Erregung der Gemüter, die beides hervorgerufen hat, darf man wohl auch aus Rom ein Wort dazu sagen. Zweifellos liegt Weihbischof Andreas Laun in der Sache richtig. Und dass die Kirche durch ihre obersten Repräsentanten Wahlempfehlungen geben darf, beweisen etwa die „Wahlprüfsteine“ der Bischöfe in vielen Ländern. Ob man dabei Namen nennen muss, ist fast zweitrangig, die Wahlbürger kennen ja ihre Kandidaten, aber es ist im Regelfall wohl auch unklug, zumal – wie jetzt in Österreich – der Eindruck entstehen kann, dass die Episkopen eines Landes unter sich nicht ganz einig sind.

Wenn aber Alexander Kissler seinen Papst dermaßen abwatscht, wie er es jetzt im „Cicero“ getan hat (siehe S. 8), erzeugt das doch ein deutlich tiefer gehendes Unbehagen. Es ist bekannt, dass Franziskus jenes halböffentliche, fast private Reden liebt, wie er es in seinen morgendlichen Predigten übt oder in Interviews im Plauderstil. Und bekannt ist auch, dass dabei oft gewisse Unschärfen herauskommen, Unschärfen, die sich darüber hinaus bis in päpstliche Dokumente ziehen, siehe Amoris laetitia, Fußnote 351. Aber er ist „unser Papst“, wenn man das als Katholik noch so sagen darf, und der Nachfolger Petri ist etwas anderes als ein österreichischer Präsidentschaftskandidat. Ein „Relativist“ ist Franziskus sicherlich nicht. Er liebt Jesus Christus und die Gottesmutter. Und die Menschen. Man darf sich über einen Papst ärgern, über ihn im vertrauten Kreis sogar schimpfen. Aber ob man öffentlich über ihn herziehen sollte, ist dann doch mehr als eine Frage des guten Tons. Große und leuchtende Gestalten der Kirche, die unter dem Vatikan oder einem Papst viel zu leiden hatten, man denke etwa an Henri de Lubac, haben geschwiegen – und sich der Vorsehung Gottes anvertraut. In einer freien Welt ist es ein Recht, das es unbedingt zu verteidigen gilt, dass ein jeder seine freie Meinung äußern darf. Aber dass ein bekannter Autor, der mit dem katholischen Ticket die Salons und Podien seiner Republik bereist, dermaßen die einfachen und gutmeinenden Katholiken verunsichert, wie es Kissler jetzt getan hat, ist nochmals etwas anders, es ist auch eine Frage der Klugheit.

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