IM BLICKPUNKT: Die Antwort ist mehr Heiligkeit

Wenn Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone von „turbulenten Zeiten“ spricht, dann hat er wohl Grund dazu. Die vergangenen Monate waren für den Vatikan außergewöhnlich. Und nach Monaten der nicht nur medialen, sondern auch kurialen Aufregung über die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche lag am Mittwoch über der Begegnung von Benedikt XVI. mit Zehntausenden von Messdienern erstmals wieder ein Hauch von Normalität. Zufällig wurde am gleichen Tag ein Schreiben bekannt – und am Donnerstag im „Osservatore Romano“ veröffentlicht –, in dem der Kardinalstaatsekretär im Auftrag des Papstes den Kolumbus-Rittern in den Vereinigten Staaten, jener traditionsreichen Vereinigung von katholischen Wohltätern jenseits des Atlantiks, für ihre Unterstützung dankte, aber auch die Ereignisse der vergangenen Monate ansprach. Viele der Vorwürfe, die in den letzten Monaten gegen die Kirche gerichtet wurden, seien „unfair und unbegründet“ gewesen, heißt es in dem Brief. Der Papst sei jedoch überzeugt davon, dass „die beste Antwort“ auf die Angriffe „die Treue zu Gottes Wort“ sei, „ein stärkeres Bemühen um Heiligkeit und mehr Bemühen um Liebe in der Wahrheit bei allen Gläubigen“. Der Papst, so Bertone, fühle sich gestärkt durch „das Zeugnis der Treue zum Stellvertreter Christi in turbulenten Zeiten“. Und nach einer „Zeit der Reinigung“ werde das Licht der Kirche umso heller strahlen.

Am gleichen Tag übrigens hielt Erzbischof Velasio de Paolis, Chef der vatikanischen Wirtschafts-Präfektur, den Benedikt XVI. zum Delegaten der Legionäre Christi eingesetzt hat, unweit von Rom einen Vortrag, in dem er sagte, dass „die Untreue von Priestern und der Identitätsverlust von Christen eine größere Gefahr“ für die Kirche darstellten als Verfolgungen von außen. Papst Benedikt trete „zu Recht“ für den Respekt der Rechte von Christen ein, „aber vor allem klagt er die Untreue im Innern der Kirche an“. Kein Zweifel also: Den Vatikan hat wieder ein Stück weit die Normalität eingeholt, aber man geht nicht zur Tagesordnung über. Auch in den Worten der engsten Mitarbeiter des Papstes spiegelt sich die Erfahrung wider, im Priesterjahr eine Krise aufgedeckt zu haben, die bei aller Zurückweisung unberechtigter Vorwürfe von außen vor allem eine Antwort, besser: eine Reinigung im Inneren der Kirche verlangt. Von einem stärkeren Bemühen um Heiligkeit sprach Bertone im Auftrag des Papstes. Und von mehr Liebe in der Wahrheit. Es lohnt sich festzuhalten, dass die zurückliegenden sechs Monate den Vatikan verändert haben. Das Diplomatische tritt zurück. Es geht wieder mehr um Heiligkeit.

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