Im Blickpunkt: Das Normale ist das Gute

Nahezu täglich Nachrichten über neue Missbrauchs- oder Verdachtsfälle: Die katholische Kirche in Deutschland erlebt eine tiefe Krise. Wie weit das noch führt, ist derzeit nicht abzusehen. Der Wille, die bekannt gewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs vorbehaltlos aufzuklären und die nötigen Konsequenzen zu ziehen, ist offensichtlich. Wer etwas anderes behauptet, verbiegt die Realität.

Der durch sexuellen Missbrauch entstandene Schaden ist unermesslich: Das sind die Opfer, deren Leben gezeichnet ist. Das ist die Kirche, die durch die Vergehen Einzelner an einem beängstigenden Glaubwürdigkeitsschwund leidet. Und da sind all jene Priester und Ordensleute, die ihr Leben in den Dienst Gottes gestellt haben, sich Tag für Tag zerreißen für die ihnen anvertrauten Gläubigen und sich nun schuldlos widerwärtigen Verdächtigungen und übler Nachrede ausgesetzt sehen. Doch damit nicht genug. Wohl unter der Wucht der jüngsten Ereignisse und Veröffentlichungen kommt es unter Priestern zu völligen Überreaktionen. So haben sich Geistliche gegenüber Lokalzeitungen geäußert, dass sie Kindern beim Segnen künftig keine Hände mehr auflegen werden. Auch im Unterricht in der Grundschule wollen sie es in Zukunft nicht mehr zulassen, von Kindern stürmisch begrüßt und dabei angefasst zu werden.

„Um Himmels willen, bleibt normal“, möchte man all jenen zurufen, die angesichts der Diskussion um Missbrauchsfälle auf solche Ideen kommen. Eine derartige Pathologisierung völlig normaler Verhaltensweisen hieße, einem bereits entstandenen Schaden noch einen weiteren hinzuzufügen. „Sterile Seelsorge“, vor der der Trierer Bischof Ackermann zu Recht warnt, darf nicht die Konsequenz aus dem Missbrauchsskandal sein. Gegen ein Klima der Verdächtigung helfen nicht verkrampfte Panikreaktionen, sondern nur gesunde Normalität.

Die Kirche braucht Priester, die mit beiden Beinen auf dem Boden dieser Welt stehen, aber ihr Herz beim Herrn haben. Reife Persönlichkeiten, die in der Lage sind, einem enormen Säkularisierungsdruck zu trotzen, ohne dabei zu verbittern. Sie braucht aufrechte Hirten- und echte Vätertypen, keine verklemmten Brüder. Gefragt sind Gottesmänner, die mit Freude ihre Berufung leben. Denn nur wer selbst glücklich und mit seinem Innersten im Reinen ist, kann die Freude am Evangelium auch ausstrahlen.

Inwieweit die derzeitige Krise eine reinigende Wirkung entfalt, hängt nicht zuletzt auch davon ab, ob es gelingt, inmitten all der schweren Erschütterung und Aufregung ganz besonnen und ganz normal zu bleiben. Markus Reder

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