Im Blickpunkt: Berlin: Die Chance nutzen

Von Markus Reder
Foto: DT | Markus Reder.
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Heute wird Rainer Maria Woelki in sein neues Amt als Erzbischof von Berlin eingeführt. Im Fernsehen kann man das leider nicht verfolgen. RBB überträgt lieber eine preußische Prinzenhochzeit. Katholisches gilt in der Hauptstadt nun mal nicht als Quotenbringer. Berlin ist für die Kirche kein einfaches Pflaster. Die Giftspritzereien gegen den Papstbesuch im September zeigen das deutlich.

Und doch: Gerade in Berlin hat die Kirche große Chancen. Die Minderheitensituation trägt zur Verwesentlichung des Glaubens bei. Da zählt wieder, was wirklich wichtig ist. Nicht Nebensächlichkeiten, Unwichtigkeiten und Eitelkeiten, mit denen die Kirche in Deutschland viel Energie, Geld und Glauben verspielt. Während man anderswo noch katholische Kulissen schiebt, ist man in Berlin bereits in der Zukunft angekommen: Kirche als kleine Minderheit, die sich einer stramm durchsäkularisierten, multikulturellen Umwelt gegenübersieht. Von offenem Hass bis zu brutaler Ahnungslosigkeit ist mit allem zu rechnen, nur nicht mit viel Wissen um den Glauben der Christen. Das alles ist bitter, aber eröffnet auch ungeahnte Möglichkeiten. Wer das nicht glaubt, soll es selbst überprüfen. Es genügt, sich einen Nachmittag mit einem Priester, der als Geistlicher erkennbar ist, in ein Berliner Café zu setzen. Man wird staunen, wer da alles an den Tisch kommt und das Gespräch sucht und wie schnell die Unterhaltung in die Tiefe geht. Warum das gerade in Berlin so ist? Hinter all der Wichtigtuerei in Politik, Medien und Kultur herrscht ungemein viel Frust, Leere und seelische Not. Die sieht man nur nicht, weil sie jeder gut versteckt – insgeheim auf der Suche nach Rat und Hilfe. Längst ist man wieder bereit, hinzuhören, wenn es um Religion und Glaube geht. In dieser Situation ist Kirche viel mehr gefragt als es scheint.

Gefragt ist eine Kirche, die als kreative Minderheit unerschrocken glaubt und freudig bekennt und sich die Agenda ihres Glaubens weder von Rand- und Splittergruppen noch von Politik und Medien vorschreiben lässt. Dazu gehört Mut, genauso wie Gelassenheit, aber vor allem Vertrauen auf den Herrn. In Berlin sind die Christen beinahe schon wieder bei der Hauskirche angekommen. Was daraus wachsen kann, zeigt die Geschichte der frühen Kirche. Darum braucht Berlin keinen Glamourbischof für die roten Teppiche, sondern einen Hirten, der in erster Linie Seelsorger ist. Einen, der die geistliche Not sieht, den stummen Schrei nach Gott hört, die katholische Minderheit stärkt und ihr Kreativität einhaucht. Woelki ist das zuzutrauen.

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