Ideologischer Pulverdampf

Das Betreuungsgeld kommt durch bestellte Studien unter Beschuss

Es war einer jener Schüsse aus der Hecke, die im pulvergeschwängerten Berlin derzeit Mode sind. Getroffen werden sollte das Betreuungsgeld. Und wie üblich kam das Geschoss in Form einer Studie daher. Bei der neuen Studie handelt es sich um eine Arbeit des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, ein Institut, das volkswirtschaftliche Vorgänge und Prozesse untersucht, berechnet und prognostiziert. Die Arbeit erhebt keinerlei Ansprüche auf pädagogische oder kognitiv-menschliche Erkenntnisse. Sie ist dadurch in gewissem Sinn obsolet, weil sie das Humanvermögen als Wirtschaftsfaktor nicht berücksichtigt. Das ist bei Ökonomen bekannt, eigentlich schon seit Adam Smith, dem Vater der Wirtschaftswissenschaften. Für die Einführung des Humanvermögens in die Wirtschaftswissenschaft hat der neoliberale Ökonom aus Chicago, Gary Becker, 1994 seinen Nobelpreis bekommen. Das Humanvermögen ist freilich schwer zu messen, aber in der Wirtschaft fragt man bei Einstellungen immer öfter und intensiver nach den sogenannten Soft skills, eben den Eigenschaften, die im heutigen Produktionsprozess eine immer gewichtigere Rolle spielen: Teamfähigkeit, Lernfähigkeit, Flexibilität, Verantwortungsgefühl, emotionale Intelligenz und so weiter. Auf einem Kongress in Berlin sagte der Nobelpreisträger 2002: „Das Humanvermögen wird in der Familie erworben, die Schule kann die Familie hier nicht ersetzen.“

Auf diese Schwachstelle der Studie hat der Deutsche Familienverband deutlich hingewiesen. Ihr Präsident, Albin Nees, macht auch auf die eigentliche Fragestellung der Studie aufmerksam. Sie sollte Wirkungen des Betreuungsgeldes auf den Arbeitsmarkt prognostizieren. Eine ähnliche Studie des ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts in München hatte mit umgekehrter Fragestellung vor zehn Jahren errechnet, dass ein Erziehungslohn etwa eine Million Frauen dem Erwerbs-Arbeitsmarkt entziehen würde, weil die meisten jungen Mütter ihre Kinder lieber selber erziehen wollen, als sie in eine Fremdbetreuung zu geben. Andere Studien und Umfragen haben vielfach ergeben, dass Frauen Teilzeitarbeit bevorzugen, solange ihre Kinder noch nicht in die Schule gehen. Beim Erziehungslohn würde in die Staatskassen immerhin einiges Geld in Form von Steuern und Sozialabgaben zurückfließen, abgesehen davon, dass dadurch die Tätigkeit der Hausfrau und Mutter als Beruf Anerkennung finden und die Erwerbsbiographien von Frauen nicht unterbrochen würden. Insofern wäre ein Erziehungslohn eine Weiterentwicklung des Betreuungsgeldes.

Belastbare Erkenntnisse liegen auch in Bezug auf ein anderes ideologisches Thema vor: den massiven Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige. Dieser sei teuer und verfehle das erklärte Ziel, mehr Mütter an den Arbeitsmarkt zu bringen, sagt der Geschäftsführer des Heidelberger Familienbüros, Kostas Petropulos. „Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass der Effekt des Krippenausbaus auf die Müttererwerbsquote nur minimal sein wird.“ Es finde „lediglich eine Verdrängung der bisher privat organisierten Betreuung hin zu den staatlich subventionierten Plätzen statt“. Das liegt aber nicht am Betreuungsgeld, sondern am natürlichen Verhalten der Mütter. Denn schon heute sind viel mehr Mütter erwerbstätig, als die Familienpolitiker meinen. Fast vierzig Prozent der Eltern nimmt externe Kinderbetreuung in Anspruch. Das sind vielfach private Arrangements: Kinderfrauen, privat vermittelte Tagesmütter, Nachbarn und Großeltern. Sie kümmern sich um die Ein- und Zweijährigen, während deren Mütter arbeiten gehen. Petropulos: „Erfahrungen in Norwegen, wo schon vor Jahrzehnten das öffentliche Betreuungsangebot für unter Dreijährige stark ausgebaut wurde, zeigen eine solche Entwicklung ebenfalls.“ Dies belege auch eine neue Studie des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Norwegische Forscher warnen vor dem Trugschluss, dass der Ausbau des Betreuungsangebotes große Auswirkungen auf die Frauenerwerbsquote habe. „Statt das Arbeitsangebot der Mütter zu erhöhen, hat die flächendeckende Einführung subventionierter Kinderbetreuung in Norwegen weitgehend nur die informellen Betreuungsarrangements verdrängt.“

Das einzige Argument, das noch für den Krippenausbau sprechen könnte, wären die vermeintlich besseren Bildungschancen der Krippen-Kinder. Fachleute sind sich aber durchaus einig, dass Ein- und Zweijährige in einer Kita nicht besser gefördert werden als zu Hause. Der Familienforscher Stefan Fuchs weist im neuesten Newsletter des Instituts für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (www.i-daf.org) nach, dass der Kindergartenbesuch die kognitive Entwicklung (gerade türkischer Kinder) fördert. Den Eltern sei dies offenbar bewusst: Fast 90 Prozent der Drei- bis Vierjährigen besuchen einen Kindergarten und nur eine verschwindende Minderheit der Kinder wird bis zum Schuleintritt ausschließlich zu Hause erzogen. Deutsche und türkischstämmige Familien unterscheiden sich in dieser Hinsicht kaum. Dennoch seien schon im Vorschulalter signifikante Entwicklungsnachteile von türkischen im Vergleich zu deutschen Kindern festzustellen. Weder der (Nicht-)Besuch von Kindertagesstätten, noch ökonomische Benachteiligung und nicht einmal der Bildungsstand der Eltern könnten diese Nachteile allein plausibel erklären. Als entscheidend, so Stefan Fuchs, „erweist sich dagegen das Engagement von Eltern für die kindliche Entwicklung durch Investitionen in anregendes Spielzeug, Vereinsmitgliedschaften, musikalische Früherziehung und gemeinsame Aktivitäten. Von den gemeinsamen Aktivitäten wiederum ist das Vorlesen aus Büchern besonders bedeutsam“. In Großbritannien zögen Kindheitsforscher aus solchen Erkenntnissen den Schluss: „What parents do is more important than who they are – wichtiger ist, was die Eltern tun, nicht wer sie sind“. Um etwas für ihre Kinder tun zu können, „benötigen Eltern Ressourcen in Form von Geld, vor allem aber Zeit. Damit sie das Richtige tun, müssen sie über die Bedürfnisse ihrer Kinder aufgeklärt sein. Wer Kinder fördern will, muss also ihre Eltern unterstützen – materiell wie ideell“, so Fuchs.

Das Betreuungsgeld würde einen Teil dieser Unterstützung leisten. Die derzeitige Debatte in Berlin und in Funktionärskreisen aber geht aus ideologischen Gründen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind, an den wirklichen Bedürfnissen der Kinder und Familien vorbei und bedenkt nur die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes und des politisch-medialen Establishments. Genau das erfüllt auch die im Auftrag des Finanzministeriums erstellte Studie. Daraus den Schluss zu ziehen, das Betreuungsgeld erfülle seinen Zweck nicht, ist etwa so, als wolle man einen Kochlöffel dafür schuldig machen, dass ein Essen nicht schmeckt. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Die Debatte zum Betreuungsgeld wird wohl weitergehen müssen, jedenfalls solange, bis die kurzsichtigen Ideologen verstanden haben, dass es nicht um den Arbeitsmarkt, auch nicht um Rollenbilder oder die Verfemung des Herdes geht, sondern um die Familien und deren Leistungen für die Gesellschaft.

Das scheint ein langer Weg zu sein in Deutschland. Wo Kinder lernen sollen, hatte der Nationale Bildungsbericht 2006 schon in DDR-Manier dargestellt. „Bildungsorte und Lernwelten“ im „Elementarbereich“ sind demnach die Kinderkrippe, der Kindergarten sowie „Vorklassen“ und „Schulkindergärten“ – die Familie ist nirgends zu finden. Der zwölfte Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung räumte zwar ein, dass die Familie „den Boden für elementare Entwicklungs- und Bildungsprozesse des Kindes“ biete. Zugleich bemängelte er, dass „aufgrund eines niedrigen Bildungsniveaus, verbunden mit sozial benachteiligten und prekären Lebenslagen sowie unter ungünstigen sozioökonomischen Bedingungen“ es vielen Familien nicht gelinge, „die Bedürfnisse ihrer Kinder zu erfüllen, ihnen genügend Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen und ihnen anregungsreiche Bedingungen des Aufwachsens zu bieten“. Genau hier könnte das erweiterte Elterngeld, das Betreuungsgeld oder ein Erziehungslohn ansetzen. Mehr Geld bringt mehr Zeit. Dass die Elternkompetenz zu erhöhen ist, ist eine Selbstverständlichkeit. Eltern haben eine natürliche Kompetenz, die durch das Betreuungsgeld leichter vermehrt werden kann. Wer wie der Bielefelder Jugendforscher Hurrelmann sagt, sinnvoller als pauschal in Familien zu investieren, sei es „Kitas, Schulen und andere Bildungseinrichtungen zu stärken“, weil Maßnahmen, die die Familien unmittelbar finanziell unterstützen, einem überholten „Muster der Politik der Nachkriegszeit“ folgten, der hat bei aller Forschung nicht verstanden, dass die Natur die Familie mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet hat. Wegen Ausnahmen alle zu bestrafen oder ungerecht zu behandeln führt in eine repressive Gesellschaft. Das ist immer das Ergebnis von Ideologen.

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