„Ich fühle mich wirklich bedroht“: Hintergrund

Christen leiden auch in deutschen Flüchtlingsunterkünften unter Gewalt muslimischer Mitbewohner – Die Security kann oder will das nicht verhindern Von Thomas Klatt
Foto: dpa | Wer Wachdienste in Flüchtlingsheimen übernimmt, muss ein polizeiliches Führungszeugnis ohne Vorstrafen aufweisen.
Foto: dpa | Wer Wachdienste in Flüchtlingsheimen übernimmt, muss ein polizeiliches Führungszeugnis ohne Vorstrafen aufweisen.

So einfach kommt man in die Hangars am ehemaligen Flughafen Tempelhof nicht hinein. Erst muss man an der Security-Kontrolle vorbei, dann öffnet sich nach mehrmaligem Klopfen eine Seitentür. Warme Luft empfängt den Neuankömmling, und fröhliche Stimmen von spielenden Mädchen und Jungen. Ein Kinderzirkus übt gerade mit ihnen auf Bällen Jonglieren oder auf der Slackline Balancieren. Es ist eines der vielen ehrenamtlichen Angebote hier.

In einer provisorisch eingerichteten Arztpraxis zum Beispiel werden direkt am Ort Menschen betreut. Sascha Langenbach, Pressesprecher des Berliner Landesamts für Gesundheit und Soziales LaGeSo, führt durch die gut 20 Meter hohen Hallen. Rund 2 500 Menschen sind hier derzeit in Zelten untergebracht, und in durch Leichtbauwände getrennte Parzellen, die eine Art Zimmergefühl vermitteln sollen.

Immerhin werden hier bald bis zu 4 000 oder sogar noch mehr Flüchtlinge unterkommen. Ein kleines Dorf mitten im Flughafen mitten in der Stadt. Weltweit wohl einmalig. Es sei eben eine Notunterkunft, sagt Langenbach. Schritt für Schritt werde es immer besser. Mittlerweile gebe es sogar fest installierte Toiletten und Waschgelegenheiten in den Hangars.

Dass es auch zu ernsthaften Konflikten unter Flüchtlingen kommt, davon hat Pressesprecher Sascha Langenbach noch nicht gehört. Vor allem nicht, dass es Unstimmigkeiten wegen der Religion gebe, aber zumindest räumt er die Möglichkeit ein. „Es ist natürlich so, dass hier sehr viele Menschen auf engem Raum sind. Da kann ich nicht ausschließen, dass es gerade unter jungen Männern in irgendeiner Form Rangkämpfe gibt“, sagt er.

Immerhin werden in den Flüchtlingsunterkünften Familien und Frauen von jungen Männern getrennt untergebracht, um so sexuell motivierte Übergriffe zu verhindern. Auch werden Ethnien getrennt. Syrer, Iraker und Araber werden meist in anderen Einheiten untergebracht als etwa Afghanen oder Afrikaner. Nach Glaubensrichtungen aber wird hier nicht unterschieden. „Wenn wir die Menschen hier registrieren, nehmen wir die Religion nicht mit auf. Das ist jedem überlassen, ob er sich in irgendeiner Form religiös betätigt oder nicht. Es gibt da keine Kategorisierung. Das ist Privatsache“, erklärt der LaGeSo-Sprecher. Die Verantwortlichen wissen also nicht, für wie viele und welche Muslime, Christen oder gar Atheisten sie tagtäglich verantwortlich sind. Religion habe eben nur außerhalb der Flüchtlingsunterkünfte stattzufinden.

Zum Beispiel in der selbstständig evangelisch lutherischen Dreieinigkeitsgemeinde in Berlin-Steglitz. Die Bankreihen sind hier sonntags brechend voll. Viele Gemeindeglieder kommen aus dem Iran und Afghanistan. Die meisten haben sich erst hier taufen lassen. Mühsam verfolgen sie die deutschen Liedtexte. Aber es gibt auch Übersetzungen in die Heimatsprachen Farsi und Dari. Dass die Religion in den Flüchtlingsunterkünften keine Rolle spielt, das erleben sie nicht. Man müsse seinen Glauben dort geradezu verstecken, sonst ergehe es einem schlecht, schildern Gemeindeglieder nach dem Gottesdienst. „Vor zwei Wochen hatten wir einen Waschmaschinen-Termin im Keller unserer Unterkunft. Meine Mutter wurde dort von einer anderen Mutter angesprochen: Warum hast Du kein Kopftuch? Du bist Perserin, Du musst Moslem sein. Ihr müsst Kopftücher tragen! Ihr seid keine Menschen, wurde gesagt“, erinnert sich ein junger Iraner.

Es sind Meinungsverschiedenheiten, die auch in Handgreiflichkeiten ausarten können. Eine iranische Gottesdienstbesucherin traut sich noch nicht einmal zu sagen, in welchem Flüchtlingsheim sie untergebracht ist, aus Angst, dann dort bei Veröffentlichung ihrer Aussagen als Christin noch mehr unterdrückt zu werden. Sie werde schon jetzt von muslimischen Flüchtlingen beschimpft, ja sogar mit Gegenständen beworfen. Sie sei schon im Iran Mitglied einer geheimen christlichen Hausgemeinde gewesen, erzählt sie. Nun habe sie sich zusammen mit ihrer Familie in Berlin zum endgültigen Übertritt und zur Taufe entschieden. Seitdem das in ihrer Flüchtlingsunterkunft ruchbar geworden ist, hat sie vor allem Angst um ihre Kinder.

„Die Leute sagen, unsere Kinder sind Muslime, Deine Kinder dürfen nicht mit unseren Kindern spielen. Wir wohnen in einem 12 qm-Zimmer. Was mach ich jetzt? Ich kann doch meine Kinder in dem Zimmer nicht die ganze Zeit wie in einem Gefängnis einsperren“, schildert die iranische Mutter.

Mit ihren Nöten und Ängsten ist sie allerdings nicht alleine. In der Berlin-Steglitzer Gemeinde werden die Berichte aus den Flüchtlingsunterkünften gesammelt. Die Aufzählung ist bedrückend: Christlichen Asylbewerbern wird der Zugang zur Küche verweigert mit der Begründung, sie seien haram, also unrein. Andere werden stundenlangen Koranrezitationen aus Lautsprechern vor ihrer Unterkunft ausgesetzt, weil muslimische Mitbewohner sie zur Rückkehr zum Islam bewegen wollen. Wer als Christ nicht beim Ramadan mitfastet, wird beschimpft und körperlich bedrängt. Kreuze, Taufkerzen oder Bibeln müssen versteckt werden. Es kommt nicht nur zu Morddrohungen, sondern auch zu Prügeleien bis zu lebensgefährlichen Messerattacken, nur weil sie Christen sind.

Das wirkt wie ein nicht enden wollender Albtraum. Denn es gibt viele Gründe, die Menschen zur Flucht bewegen, Krieg, Hunger, wirtschaftliche Not oder eben politische Unterdrückung in Diktaturen und Regimen. Es ist meist eine Flucht aus Ländern, in denen Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Oft herrscht dort keine Presse- oder Meinungsfreiheit, und eben auch keine Religionsfreiheit. In Deutschland dagegen gilt die freiheitlich demokratische Grundordnung und dadurch ist die Einhaltung der Menschenrechte garantiert. Dies gilt überall im Bundesgebiet ohne Ausnahmen. Außer eben in deutschen Flüchtlingsheimen, wenn man den zahlreichen Berichten, die in der Berlin-Steglitzer Gemeinde gesammelt werden, Glauben schenkt.

Die Religionsfreiheit, das Recht eben in einer Religion zu leben, diese zu wechseln oder auch an gar nichts zu glauben, wird dort nicht von allen respektiert. Immer wieder gehen Muslime gegen die Minderheit der christlichen Flüchtlinge vor. Es gebe zudem kaum Möglichkeiten, sich zu schützen oder zur Wehr zu setzen. Denn die meisten Security-Mitarbeiter seien selbst Muslime, kämen aus türkischen und arabischen Familien und würden die Probleme der christlichen Flüchtlinge zumindest übersehen und nicht weiter melden. So hat es ein junger iranischer Christ in den Tempelhofer Hangars erlebt, in denen er zurzeit untergebracht ist: „Ich werde zum Beispiel von muslimischen Afghanen bedroht. Sie haben sogar schon meine Bibel zerrissen. Dann werfen sie mit Stühlen, sogar mit Feuerlöschern nach mir. Mein Freund dort spricht türkisch, er hat mit der Security gesprochen. Die meinten, dass sie nichts machen können, weil sie sonst selber angegriffen werden.“

Um sich also mit der Mehrheit der muslimischen Flüchtlinge nicht anzulegen, verzichtet die Security darauf, die wenigen Christen zu schützen. Dabei sehen längst nicht alle Muslime die Konversion als Todsünde an. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland bekennt sich etwa ausdrücklich zur freiheitlich demokratischen Grundordnung und damit zur Religionsfreiheit. Doch das scheint sich noch längst nicht bei allen Flüchtlingen herumgesprochen zu haben, zumindest nicht in den Tempelhofer Hangars. „Am Anfang haben sie nicht gewusst, dass ich Christ bin. Die anderen haben mich gefragt, ob ich am Freitagsgebet teilnehmen möchte. Als ich sagte, dass ich Christ bin, wollten sie mich verprügeln, weil ich nicht hallal, nicht rein bin. Ich fühle mich wirklich bedroht“, sagt der junge iranische Flüchtling.

Das aber könne so nicht sein, meint LaGeSo-Pressesprecher Sascha Langenbach. Es gebe genügend Sozialarbeiter und jeder finde mit seinen Klagen stets ein offenes Ohr. Dass eine muslimisch dominierte Security gegen die christliche Minderheit agieren würde, kann er nicht nachvollziehen.

Wer in Flüchtlingsheimen Wachdienste übernimmt, der müsse ein polizeiliches Führungszeugnis ohne Vorstrafen vorweisen. Und vielleicht noch eine gewisse Freundlichkeit an den Tag legen. Sonst aber gebe es keine weiteren Zugangsvoraussetzungen. „Ich kann ja nicht jeden Security-Menschen fragen, welcher Religion er angehört. Dass eine Religionszugehörigkeit Einstellungsvoraussetzung ist, damit hätte ich große Schwierigkeiten“, erklärt Langenbach.

Eine Lösung könnte sein, christliche und muslimische Flüchtlinge getrennt unterzubringen. Zumindest regt dies die Steglitzer Gemeinde an, die so viele Klagen von christlichen Flüchtlingen bereits dokumentiert hat. Längst könne man nicht mehr von Einzelfällen sprechen. Es sei unverantwortlich, die christlichen Konvertiten weiterhin wie Versuchskaninchen für weltfremde Toleranzexperimente in Asylbewerberheimen zu behandeln. Doch eine nach Glaubensrichtungen getrennte Unterbringung lehnen die politisch Verantwortlichen bisher ab. Das Berliner LaGeSo erkennt das Religions-Problem als solches noch nicht einmal an. Aber immerhin, dessen Sprecher Sascha Langenbach verspricht, sich mit den dokumentierten Klagen der christlichen Flüchtlinge auseinanderzusetzen. Mehr aber verspricht er vorerst nicht.

Wie aus den Statistiken des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hervorgeht, wurden im Jahr 2015 insgesamt 476 649 formelle Asylanträge gestellt. Das sind 273 815 Anträge mehr als im Vorjahr. Allein aus Syrien kamen 162 510 Asylbewerber, gefolgt von Albanien mit 54 762 Antragstellern. An dritter Stelle liegt der Kosovo, aus dem insgesamt 37 095 Asylbewerber kamen. Unter den zehn Hauptherkunftsländern finden sich zudem die Balkanstaaten Serbien, Mazedonien und Albanien. Während zuzüglich der Asylbewerber aus Bosnien-Herzegowina und Montenegro im Jahresdurchschnitt etwa 30 Prozent aller Bewerber aus den sechs Staaten des Westbalkan kamen, verringerte sich deren Anteil in der zweiten Jahreshälfte kontinuierlich. Im Dezember 2015 lag er nur noch bei acht Prozent.

Im Jahr 2015 hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 282 726 Entscheidungen getroffen, 153 815 mehr als im Vorjahr. Insgesamt erhielten 137 136 Personen den Status eines Flüchtlings nach der Genfer Konvention (48,5 Prozent). 1 707 Personen erhielten subsidiären Schutz, 2 072 Abschiebungsschutz. Die Zahl der noch nicht entschiedenen Anträge lag Ende Dezember bei 364 664.

Die meisten Asylanträge wurden laut dem BAMF im November gestellt (57 816). Die wenigsten Asylanträge entfielen auf den Januar (25 042). Von August (36 422 Anträge) bis November stiegen die Antragszahlen kontinuierlich an. Im Dezember wurden 48 277 Anträge verzeichnet. Das sind 9 539 weniger als im November.

Im Dezember hat das Bundesamt über die Anträge von 43 227 Personen entschieden, das entspricht 27 572 Anträgen mehr als im Vorjahresmonat (15 655) und 7 805 mehr als im November (35 422). Im Dezember wurde 30 621 Personen die Rechtsstellung eines Flüchtlings zuerkannt, 200 weitere erhielten subsidiären Schutz. Abgelehnt wurden die Anträge von 7 955 Bewerbern (18,4 Prozent).

Innenminister Thomas de Maiziere sagte gegenüber der „Bild am Sonntag“, dass die Bundespolizei täglich 100 bis 200 Personen an der Grenze zurückweise. Dem widerspricht der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt: Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte er am Montag, dass die Zahl der Zurückweisungen im Januar zwischen 80 und höchstens 150 geschwankt sei. Außerdem bedeute „zurückgewiesen“ nicht, dass die Menschen danach weg oder auf dem Weg in ihr Herkunftsland wären. Viele von denen, die nach Österreich zurückgeschickt würden, seien ein paar Stunden später an einem anderen Grenzübergang und kämen dann ungehindert ins Land, weil sie nicht registriert würden, so Wendt. DT/mlu

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann