„Ich bitte um Verzeihung und weine mit“

Papst feiert mit Missbrauchsopfern Messe in Santa Marta – Franziskus bekräftigt Null-Toleranz-Kurs – Last auf dem Gewissen der Kirche
Foto: dpa | Papst Franziskus bei der Messe.
Foto: dpa | Papst Franziskus bei der Messe.

Rom (DT/gho) Papst Franziskus ist gestern Vormittag mit sechs Missbrauchsopfern zusammengekommen. „Ich bitte euch um Verzeihung und weine mit euch“, sagte er bei der Frühmesse im vatikanischen Gästehaus Santa Marta, wo er im kleinen Kreis die Messe mit den sechs Personen feierte, von denen jeweils zwei aus Deutschland, Irland und England stammten. Der Papst hatte sie schon am Vorabend am Rande des Abendessens in Santa Marta begrüßt.

Bei seiner Predigt während der Frühmesse sprach Franziskus zunächst über den Verrat des Petrus während des Verhörs Jesu und den Blick, den Jesus und Petrus wechselten. Heute, so der Papst weiter vor den Missbrauchsopfern, würde die Kirche die Augen Christi in den missbrauchten Kindern erkennen. Und die Kirche weine um ihre Söhne, „die ihre Mission verraten haben“. Vor den bei dem Gottesdienst anwesenden Opfern drückte der Papst seinen Schmerz darüber aus, dass „einige Priester und Bischöfe die Unschuld von Minderjährigen und ihre priesterliche Berufung verletzt haben, indem sie sie missbrauchten“. Das sei wie eine sakrilegische Handlung, „weil die Jungen und Mädchen dem Charisma des Priesters anvertraut waren, sie zu Gott zu führen. Und diese haben sie dann dem Götzen ihrer Begehrlichkeit geopfert.“ Diese Missbräuche hätten das Bild Gottes profaniert, nach dem die Menschen geschaffen worden seien. Über die Identität der sechs Missbrauchsopfer machte der Vatikan keine Angaben. Es war das erste Mal, dass ein Papst Opfer von sexuellem Missbrauch innerhalb der vatikanischen Mauern empfing.

„Ich weiß“, sagte Franziskus in seiner Predigt weiter, „dass diese Verletzungen eine Quelle von tiefen und oft unheilbaren emotionalen und geistlichen Schmerzen sind – und oft auch der Verzweiflung.“ Seine Gedanken gingen auch an die Fami-lien der Opfer. „Einige dieser Familien haben auch die schreckliche Tragödie des Selbstmords einer lieben Person erlebt. Der Tod dieser geliebten Kinder Gottes lastet auf meinem Herzen und meinem Gewissen und dem der ganzen Kirche“, so der Papst.

Die Sünden des sexuellen Missbrauchs von Heranwachsenden durch Mitglieder des Klerus hätten eine zerstörerische Wir-kung für den Glauben und die Hoffnung auf Gott, sagte Franziskus weiter. Einige Opfer hätten sich an den Glauben geklammert, für andere sei der Verrat der Kleriker zum Anlass für den Abfall vom Glauben geworden. „Aber eure Anwesenheit hier“, meinte er an die sechs Missbrauchsopfer gerichtet, „sagt etwas aus über das Wunder der Hoffnung, die die tiefste Dunkelheit überlebt hat. Ohne Zweifel ist es ein Zeichen für die Barmherzigkeit Gottes, dass wir heute die Gelegenheit haben, einander zu begegnen, den Herrn anzubeten, uns in die Augen zu schauen und die Gnade der Versöhnung zu suchen.“ Vor Gott und seinem Volk, bekräftigte der Papst, „bin ich zutiefst zerknirscht über die schlimmen Sünden und Vergehen des sexuellen Missbrauchs, die von Mitgliedern des Klerus an euch begangen wurden. Und ich bitte demütig um Verzeihung.“ Und er bitte auch um Verzeihung, fuhr Franziskus fort, für die Unterlassungen der Verantwortlichen der Kirche, die nicht in angemessener Weise auf die von Familien erhobenen Anklagen von Missbrauch reagiert hätten. Das habe den Schmerz der Opfer nochmals vergrößert. „Und es hat andere Minderjährige in Gefahr gebracht, die sich in Risikosituationen befunden haben.“ Es gebe keinen Platz unter den Amtsträgern der Kirche für solche, die sexuelle Missbräuche begingen. „Und ich werde mich bemühen, den Schaden nicht zu tolerieren, der einem jungen Menschen zugefügt wurde, wie auch immer der klerikale Status des Betreffenden sein mag“, versprach der Papst.

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