Wien

Herbert Kickl: Ein Stratege übernimmt die FPÖ

Herbert Kickl hat handstreichartig die Führung der FPÖ übernommen. Zum Widerstand fehlt anderen Partei-Granden die Alternative.

Herbert Kickl
Wien: Klubobmann Herbert Kickl im Rahmen eines FPÖ-Präsidiums in der Bundesgeschäftsstelle. Foto: Georg Hochmuth (APA)

Nach dem peinlichen Ibiza-Abgang von H. C. Strache übernahmen Norbert Hofer und Herbert Kickl die auf die Oppositionsbänke zurück verwiesene FPÖ als Tandem: Der milde lächelnde, staatstragend agierende Hofer und der scharfkantige, angriffige Kickl, ein komplementäres „good Cop – bad Cop“-Doppel, das langfristig nicht gut gehen konnte. Zuletzt mobbte Kickl seinen Parteichef Hofer mehr als es unter Parteifreunden als arttypisches Verhalten gilt. Hofer gab auf, Kickl übernahm die FPÖ-Führung am Montag handstreichartig. Nicht, dass alle FPÖ-Granden von Kickl und seinem Coup begeistert wären, allein es fehlte ihnen zum Widerstand die personelle Alternative.

Auch eine rhetorische Rampensau?

Nun ist der 52-jährige Kärntner dort, wo bisher jene standen, die er mit Geschick steuerte, in Schlachten jagte und zu Siegen führte. Kickl war der emsige Mann in der zweiten Reihe, der nimmermüde Arbeiter im Hintergrund, ohne den die mit Charisma begnadeten Chefs keine Erfolge verbuchen konnten. Für Jörg Haider schrieb er Reden und kreierte Slogans. Wenn sich Haiders „Buberlpartie“ feiernd und feixend am Wörthersee austobte, studierte und werkte Kickl im stillen Kämmerlein. Bei der Parteispaltung optierte Kickl gegen den hochintelligenten, psychisch schillernden Haider und für den intellektuell eher schlichten Volkstribun Strache. Der neue Chef zog wahlkämpfend durch Festzelte und Discos; fürs Denken hatte er Herbert Kickl. Sind dem nun die akzeptablen Chefs ausgegangen? Oder hat er entdeckt, dass er nicht nur ein guter Stratege, sondern auch eine rhetorische Rampensau ist?

Jedenfalls hat die ewige Nummer Zwei auf dem Chefsessel Platz genommen. Das passt zur Oppositionsrolle, zu der die FPÖ seit 2019 verurteilt ist. Dagegen sein kann Kickl: gegen Ausländer, gegen den Islam, gegen die Privilegierten, zuletzt gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung und vor allem gegen Kanzler Kurz. Keiner formuliert Opposition härter, konsequenter, klarer als er. Die Suche nach Konsens und Kompromiss ist seine Sache nicht. Jetzt schon gar nicht, denn mit dem Kanzler hat er noch eine Rechnung offen. Sebastian Kurz muss sich daran gewöhnen, dass sich Kickl dauerhaft in ihn verbeißen wird. Der Oppositions-Profi hatte nämlich an seiner Rolle als Innenminister Gefallen gefunden. Umso bitterer, dass Kurz die Koalition mit der FPÖ nach dem Ibiza-Skandal 2019 nicht einfach ohne Strache fortsetzte, sondern aufkündigte, um just ihn, Kickl, als Minister loszuwerden. Kickl muss weg, lautete damals die Bedingung der ÖVP für die Fortsetzung der Regierung. „Kurz muss weg!“, lautet nun das Leitmotiv von Herbert Kickl.

 

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