Haiti wählt neuen Präsidenten

Trotz Erdbeben und Cholera lässt sich die Bevölkerung nicht beirren Von Anja Kordik

Am Sonntag wählt Haiti einen neuen Präsidenten. Doch die Wahlen werden überschattet nicht nur durch die Folgen des Erdbebens, sondern seit Mitte Oktober auch durch den Ausbruch der Cholera: In der Woche vor dem Wahltermin teilte die UNO in New York mit, derzeit seien 400 000 Haitianer akut von der Krankheit bedroht. Die Vereinten Nationen forderten die internationale Gemeinschaft dringend auf, ihre Hilfsgelder für das Land zu erhöhen. Bisher starben nach Angaben der haitianischen Gesundheitsbehörden rund 1 500 Menschen an Cholera. Mehr als 60 000 sind erkrankt. Und: „Die Epidemie hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht“, erklärte Valerie Amos, Chefkoordinatorin für UN-Nothilfe in Port-au-Prince.

Die gesamte Infrastruktur des Landes – nicht nur die wirtschaftlichen und sozialen, auch die administrativen und politischen Strukturen – sind seit dem Erdbeben vom Januar zerstört: Ministerien, Parlament, Nationalpalast – alle wichtigen öffentlichen Gebäude liegen nach wie vor in Trümmern. „Es gibt keinen Präsidentenpalast mehr, es gibt kein Land mehr – wozu also einen neuen Präsidenten wählen?“, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters einen Mann aus den Slumvierteln in der Hauptstadt Port-au-Prince. Offenbar eine Mehrheit aber will eine neue Führung wählen, hoffend, dass diese die enormen Probleme des Landes mit neuer Energie in Angriff nehmen kann. „Ich weiß nicht, was geschehen wird! Aber ich gehe zur Wahl, und ich will versuchen, die Dinge zu verändern!“ – diese Aussage einer Frau aus einem der provisorischen Zeltlager in der Hauptstadt bringt die allgemeine Grundhaltung zum Ausdruck.

Tatsächlich unternehmen die Haitianer gerade in den Zeltlagern – mit Unterstützung internationaler Helfer – viele Anstrengungen, um ihren Alltag selbst unter extremen Bedingungen zu organisieren. Auch die Wahlen am Sonntag sollen so geordnet und „normal“ wie möglich ablaufen. Die Vorbereitungen waren schwierig: Denn viele Schulen, die früher zu Wahllokalen umfunktioniert wurden, sind zerstört – andere Räumlichkeiten mussten gefunden werden. Hunderttausende verloren beim Erdbeben am 12. Januar in den Trümmern nicht nur ihr Hab und Gut, sondern auch ihren Personalausweis. Die von der Meldebehörde des Landes gesetzte kurze Frist zur Neubeantragung setzte viele Haitianer unter Druck, weil sie fürchteten, der Wahl fernbleiben zu müssen. Aber die zahlreichen organisatorischen Schwierigkeiten stellen ganz offensichtlich keine unüberwindbaren Hindernisse dar.

Die Wahlen am Sonntag entscheiden über die Nachfolge des noch amtierenden Präsidenten René Préval, der nach zwei Amtszeiten nicht mehr kandidieren kann. Jüngsten Umfragen zufolge liegt die 70-jährige Kandidatin Mirlande Manigat klar in Führung: Auf die Frau des früheren Präsidenten Leslie Manigat entfallen demnach zurzeit etwa 36 Prozent der Stimmen. An zweiter Stelle steht der Kandidat der gemäßigt linken Regierungspartei „Lespwa“ („Hoffnung“), Jude Celestin, der es im Moment auf 21 Prozent bringt, gefolgt von dem populären Musiker Michel Martelly und dem Unternehmer Charles Baker.

Mirlande Manigat hat sich im Vorfeld der Wahlen vor allem als sozial progressive Kandidatin dargestellt. In einem Internet-Auftritt erklärte sie den Wählern, der reiche Erfahrungsschatz ihres Lebens mache sie „immun gegen Eitelkeiten, immun auch gegen Versuchungen durch Ruhm und Wohlstand. Ich setze mich für den Fortschritt meines Landes ein. Ich kämpfe gegen die Ungerechtigkeit und unsäglichen Leiden in diesem Land.“

Um der Unterwicklung Haitis dauerhaft entgegenzuwirken, will Mirlande Manigat verstärkt die Grundschulbildung gerade in den ländlichen Gebieten fördern. Nach dem Erdbeben plädiert die Kandidatin beim Wiederaufbau für Kooperationen mit Organisationen von Haitianern, die im Ausland, vor allem in den USA leben. Ziel müsse ein permanenter „Austausch von Ideen“ sein. Es gelte, die Haitianer im Ausland an ihre Verantwortung für ihre Heimat zu erinnern, und auf diese Weise nicht nur Geld, sondern auch Wissen und Technik und vor allem junge Talente und qualifizierte Kräfte nach Haiti zu holen: „In jedem Fall müssen alle Haitianer, ob hier oder im Ausland lebend, Hand in Hand beim Wiederaufbau arbeiten.“

Der vom derzeitigen Präsidenten Préval favorisierte Kandidat, Jude Celestin, wird gern als „Nicht-Politiker“ charakterisiert. Er war Chef des staatlichen Transportunternehmens, das nach dem Erdbeben einen großen Teil der Trümmer und der Leichen aus der Hauptstadt gebracht hat. In seine Kampagne ist viel Geld geflossen. Auf seinen Wahlplakaten steht jedoch lediglich: „Jude Celestin – Präsident!“ Ein klareres politisches Profil hat er bisher noch nicht erkennen lassen, ebenso wenig ein konkretes Entwicklungskonzept vorgestellt. Er präsentiert sich als Mann der Wirtschaft. Und es gibt nicht wenige Haitianer, die sich einen Mann an der Spitze des Staates wünschen, der über wirtschaftliche Kompetenz verfügt und das Land aus seiner desolaten ökonomischen und sozialen Situation herausführen könnte. Auch der dritte Kandidat Charles Baker kommt aus Wirtschaftskreisen, ist Chef eines Textilunternehmens.

Wahrscheinlich ist eine Stichwahl zwischen Celestin und Manigat. Trotz der extremen Umstände weckt die Wahl einer neuen Regierung verstärkte Zuversicht bei vielen Haitianern: Es sind ganz wesentliche Wahlen für die Zukunft, das Land steht an einer entscheidenden Wegmarke zwischen Fortschritt und fortdauernder Unterentwicklung – dieses Bewusstsein ist unter den Wählern Haitis vorherrschend.

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