Haider ist tot, sein Mythos lebt

Weder Dämonisierung noch Glorifizierung enträtseln den schillernden Sozialrevolutionär

Jörg Haider schaffte es sogar auf die Titelseite des „Time Magazin“: „Muss Europa diesen Mann fürchten?“ lautete die Schlagzeile. Tatsächlich fürchteten viele, nicht nur in Europa, den Kärntner Landeshauptmann, der in der Nacht zum Samstag bei einem tragischen Autounfall 58jährig ums Leben kam. Als Wolfgang Schüssel im Jahr 2000 mit Haiders Hilfe Kanzler wurde und dieser seine Pressesprecherin Susanne Riess-Passer zur Vizekanzlerin machte, zog Israel seinen Botschafter aus Wien ab und 14 der damals 15 EU-Mitgliedstaaten verhängten vernunft- und rechtswidrige „Sanktionen“ gegen Österreich. Haider polarisierte: Für viele war er ein Rechtspopulist und ein Verharmloser des Nationalsozialismus, für viele andere ein tapferer Ritter gegen Privilegien und für die Anliegen der kleinen Leute, ein Erneuerer.

Für die Dämonisierung wie für die Glorifizierung Haiders gibt es Argumente, doch werden beide der vielseitigen Persönlichkeit nicht gerecht. Jörg Haider war vor allem wandlungsfähig: Der gebürtige Oberösterreicher stilisierte sich zur Inkarnation des Kärntners, der reiche Grundbesitzer zum Robin Hood der Unterprivilegierten. Haider konnte im Kärntner Trachtenanzug fehlerfrei Heimatlieder singen und eine Stunde später in exzentrischer Kleidung in einer Nobel-Disco auftauchen, präsentierte sich im Porsche und als Bungee-Springer. Immer wieder blitzte das nationalsozialistische Elternhaus in seinen Reden durch, doch zugleich fischte er Stimmen im traditionell sozialistischen Arbeitermilieu.

Jörg Haider war mehr Sozialrevolutionär denn rechter Recke: Die damals noch große Koalition aus SPÖ und ÖVP mit ihren klientelistischen Strukturen und Privilegien-Systemen war sein eigentliches Feindbild. So wurde Haider, der 1986 putschartig die Führung der FPÖ übernahm, für einige zum Störenfried, für andere zum Hoffnungsträger der Innenpolitik. Drei Bundesregierungen verdanken ihm ihr vorzeitiges Ende: 1986 beendete Kanzler Franz Vranitzky (SPÖ) die Koalition mit der FPÖ, weil Haider dort die Führung an sich gerissen hatte. Anfang 2000 konnte ÖVP-Chef Schüssel aus der roten Umklammerung ausbrechen, weil Haider sich als koalitionsfähig und regierungswillig präsentierte. Im September 2002 jedoch jagte Haider selbst die von ihm mitgegründete ÖVP/FPÖ-Koalition in die Luft, als er die Basis seiner Partei gegen seine Nachfolgerin im Parteivorsitz, Vizekanzlerin Riess-Passer, mobilisierte.

Wandlungsfähig bis zur Sprunghaftigkeit hatte Haider seine FPÖ von der unbedeutenden Kleinpartei zur zweiten Kraft in Österreich aufgebaut, dann ihren schlimmsten Absturz und 2005 gar ihre Spaltung verursacht. Er hatte sie gegen den Rat seiner radikal-oppositionellen Umgebung in die Regierungsverantwortung geführt und versenkte diese Regierung eigenhändig. Haider, unbestritten hochintelligent, hatte ein feines Sensorium für Stimmungen und Themen, und doch trat kein österreichischer Politiker in so viele Fettnäpfchen wie er. 1991 wurde er als Kärntner Landeshauptmann abgewählt, weil er die „ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich“ lobte. Seine Reisen zu Iraks Diktator Saddam Hussein oder Libyens Gaddafi lösten internationales Kopfschütteln aus.

Haider hatte ein Gespür für junge, verborgene Talente, doch suchte er Jünger und Bewunderer, nicht Verbündete. Wie kein anderer Politiker wirkte er extreme Loyalität seiner Anhänger und radikalste Brüche mit engsten Weggefährten. Gerade die Treuesten der Treuen wurden von ihm, wenn sie zu eigenständig agierten, öffentlich gedemütigt. Trotz aller populistischen Sprüche gegen kriminelle Ausländer und Eurokraten, trotz des Augenzwinkerns hinsichtlich der braunen Vergangenheit war Jörg Haider im Kern kein Ideologe, sondern ein rastloser Politiker, dessen Lebenselixier der Jubel seiner Anhänger und das Bad in der Menge waren.

So konnte er sich weltanschaulich und stilistisch immer wieder neu erfinden: Österreich als „ideologische Missgeburt“ bezeichnen und sich zum „Österreich-Patriotismus“ bekennen, den jugendlichen Revolutionär und den staatstragenden Landesvater mimen. Niemand konnte Themen, Strategien, politische Positionen, Personen so schnell populär machen – und so radikal wieder versenken wie Jörg Haider. Im jüngsten Wahlkampf war seine Rolle die des gereiften, staatsmännischer gewordenen Kärntner Landeshauptmanns. Nach dem Wahlerfolg seines BZÖ, welcher ausschließlich seiner Person zu verdanken ist, hatte Jörg Haider ein großes Ziel: eine neuerliche rot-schwarze Koalition zu verhindern. Durch seinen überraschenden Tod ist diese aber die wahrscheinlichste Variante. Sein BZÖ und seine Wahlheimat Kärnten sind verwaist und mit Trauerarbeit beschäftigt.

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