Griechen verunsichert, verzweifelt

Erzbischof Hieronymos warnt angesichts des Tsipras-Referendums vor Spaltung und „Verbrechen an den künftigen Generationen“
Foto: dpa | Ja oder Nein? Die Welt blickt mit Spannung auf den Ausgang des Referendums in Griechenland.
Foto: dpa | Ja oder Nein? Die Welt blickt mit Spannung auf den Ausgang des Referendums in Griechenland.

Athen/Brüssel (DT/KAP/dpa) Von tiefer Verunsicherung und Verzweiflung unter Griechenlands Bevölkerung angesichts des Referendums am Sonntag hat der katholische Erzbischof von Athen am Freitag in Radio Vatikan berichtet: „Die Leute verstehen nicht genug, sie wissen nicht, was sie wählen sollen“, so Erzbischof Sevastianos Rossolatos. Das schlimmste sei, dass niemand wisse, was ab Montag geschehe. Regierungschef Alexis Tsipras habe zwar angekündigt, am Tag des Referendums über die Annahme der Gläubiger-Vorschläge in Brüssel eine Vereinbarung zu unterzeichnen. Welche das sei, sei aber unbekannt.

Kritik an Tsipras kam auch von der orthodoxen Kirche. Metropolit Anthimos Roussas von Thessaloniki sagte: „Ich werde für Europa votieren.“ Große Aufmerksamkeit fand ein Gespräch zwischen Staatspräsident Prokopios Pavlopoulos und dem Oberhaupt der Kirche von Griechenland, Erzbischof Hieronymos auf dem Areopag. Hieronymos rief die Griechen zur nationalen Einheit und zum Verbleib bei der „gemeinsamen europäischen Familie“ auf. Er warnte vor dem „Gift der Spaltung“, das die Seelen des Landes infiltrieren würde und ein „Verbrechen an den künftigen Generationen“ sei. Der Heilige Synod der Kirche von Griechenland hatte an die „führenden Persönlichkeiten“ der EU appelliert, einen Kompromiss mit Athen zu finden.

In einer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung von Vatikansprecher Lombardi hieß es, Papst Franziskus habe den Wunsch, „seine Nähe zum ganzen hellenischen Volk spüren zu lassen, mit besonderem Gedanken an die vielen Familien, die von einer so komplexen, leidvollen menschlichen und sozialen Krise schwer betroffen sind“.

Unterdessen blickt die Welt gebannt nach Griechenland. Von der Volksabstimmung zur Sparpolitik hängt ab, wie es im Schuldendrama weitergeht. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker warnte die Griechen eindringlich davor, gegen die von den Geldgebern geforderten Reformen zu stimmen. „Wenn die Griechen mit Nein stimmen, wird die griechische Verhandlungsposition dramatisch schwach sein“, sagte er am Freitag in Luxemburg. Bei der Abstimmung zeichnet sich einer neuen Umfrage zufolge eine äußerst knappe Entscheidung zwischen beiden Lagern ab.

Der Chef der Eurogruppe, Jeroen Dijsselbloem, wollte den Griechen dagegen keine Empfehlung für ihre Stimmabgabe geben. „Nein, die Griechen müssen selbst entscheiden, es ist ihre Zukunft, ihr Land“, sagte der niederländische Finanzminister im heimischen Fernsehen. Die EZB beobachtet die Entwicklung mit Argusaugen: „Wir müssen die Aussichten für eine Einigung mit Griechenland und seinen Gläubigern bewerten“, sagte deren Vizepräsident Vítor Constâncio. Die Frankfurter Währungshüter spielen in der Krise eine entscheidende Rolle, weil das griechische Bankensystem nur noch dank Nothilfen der Zentralbank funktioniert. Eine Ablehnung der bisherigen Vorschläge der Gläubiger durch die Wähler würde nach Constâncios Worten zudem eine Einigung mit den Gläubigern schwieriger machen. Bei einem „Nein“ würden sich auch die Perspektiven für die griechischen Banken verschlechtern, sagte Constâncio. Er wollte jedoch keine Prognose abgeben, wie sich die EZB im Falle einer Ablehnung verhält. Grundlegend anders wäre die Situation, falls es zu einem „Ja“ komme, sagte er. Eine Einigung wäre dann einfacher zu erreichen.

Der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis sagte dem irischen Radiosender RTE Radio, er erwarte auch im Falle einer Ablehnung eine Einigung mit den Gläubigern. Eine Abmachung sei bereits „mehr oder weniger“ fertig. „Wir könnten morgen früh eine Einigung erzielen.“

Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD), attackierte den Kurs von Tsipras heftig. „Tsipras ist unberechenbar und manipuliert die Menschen in Griechenland, das hat fast demagogische Züge“, sagte Schulz in einem Interview des „Handelsblattes“. Tsipras versuche, die Schuld für das Scheitern der Verhandlungen den Geldgebern zuzuschieben. „Jetzt gibt es eigentlich keine Gesprächsgrundlage mehr.“ Schulz appellierte an die Griechen, am Sonntag mit „Ja“ zu stimmen. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Deutschen Bundestag, Dietmar Bartsch, kritisierte diese Äußerungen als „unverhohlenen Angriff“ auf eine demokratisch gewählte Regierung. Das sei eines Präsidenten des Europäischen Parlaments schlicht unwürdig. (Siehe Seite 7)

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