Gretchenfragen in Kalifornien

John McCain und Barack Obama stehen Rede und Antwort über Glaube und Moral – Der Republikaner konnte beim evangelikalen Publikum punkten

In Deutschland undenkbar, und selbst in Amerika eine Premiere: Das Treffen der Bewerber um das Präsidentenamt, McCain und Obama, in einer evangelikalen Gemeinde am Samstag, um über Glaube, Moral und Zukunftsfragen zu diskutieren. Eingeladen hatte Pastor Rick Warren, einer der großen Prediger der USA. 1980 gründete er im südkalifornischen Saddleback bei Los Angeles eine Gemeinde, die heute mit 22 000 Mitgliedern zu den bekanntesten Mega-Churches des Landes gehört. Das „Time-magazine“ zählte ihn zu den 100 einflussreichsten Menschen im Jahr 2005. Seine Bücher erreichen Millionenauflagen.

Ihm also saßen die Bewerber jeweils eine Stunde gegenüber und stellten sich seinen Fragen. Ein Duell zwischen beiden Kandidaten gab es nicht. Während Obama befragt wurde, wartete McCain in einem abgetrennten Raum, ohne das Gespräch hören zu können. Nur beim Wechsel trafen sie sich kurz auf der Bühne. Und die ist ein vermintes Gelände.

Ab wann kommen dem Embryo Menschenrechte zu?

Beiden muss das Kunststück gelingen, die religiöse Rechte zu beeindrucken oder wenigstens nicht völlig zu verschrecken, ohne die Wähler der Mitte zu beunruhigen. Wie dieser Versuch aussieht, zeigte Obama. „Von welchem Zeitpunkt an hat ein Embryo Menschenrechte?“, fragt Warren. Obama windet sich, gibt sich nachdenklich-reflexiv. Das überschreite sein Urteilsvermögen. Die falsche Antwort vor diesem Publikum. Da nutzte es auch nichts, dass der als Befürworter der Wahlfreiheit bekannte Obama darauf hinwies, als Präsident alles zu tun, um die Zahl der Abtreibungen zu senken. Keine Hand rührt sich. McCain war da eindeutiger: „Von der Empfängnis an.“ Starker Applaus brandet im Saal auf. Wie Ehe zu definieren sei? Da waren sich die Kontrahenten einig: ein heiliger Bund zwischen Mann und Frau. Obama fügte allerdings an, dass das seiner Meinung nach die eingetragene Lebenspartnerschaft schwuler Paare nicht ausschließe. Was das Böse sei, und ob es das gebe. Wieder gibt sich Obama sehr zögernd und nachdenklich, spricht davon, dass es das Böse immer gebe und nur Gott es aus der Welt schaffen könne. Für McCain hat das Böse einen Namen: der „radikal-islamische Islamismus“. Notfalls werde er Osama Bin Laden „bis an die Pforten der Hölle verfolgen“, um ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen. Markige Worte, die beim Publikum ankamen.

Der massive Holztisch, an dem die Bewerber vor ihren Kaffeetassen im offenen Hemd saßen, wurde zu einer Art Beichtstuhl, als Warren nach dem größten persönlichen Scheitern fragte. „Meine Selbstsucht in jungen Jahren“, bekennt Obama, und seine Probleme mit Drogen und Alkohol. „Meine gescheiterte erste Ehe“, beichtet McCain. Aber auch nach dem größten kollektiven Versagen der USA fragt Warren die Kontrahenten. Hier spricht Obama von der Schere zwischen Arm und Reich, von Rassismus und Sexismus in der amerikanischen Gesellschaft. McCain prangert hingegen das Unvermögen Amerikas an, sich einer Sache zu widmen, die „größer ist als wir selbst“. Nach den Anschlägen des 11. Septembers hätte die Regierung die Bürger aufrufen sollen, verstärkt in Friedenstruppen und in die Streitkräfte einzutreten, um den Herausforderungen zu begegnen. Stattdessen habe sie die Amerikaner aufgefordert einkaufen zu gehen, um einen Einbruch der Wirtschaft zu verhindern.

Auch nach ihrem größten politischen Fehler fragte Warren. Obama sah den im seinerzeitigen Widerstand gegen die Sozialhilfereform Clintons, die die Annahme schlechter bezahlter Arbeit vorgesehen hätte. McCain nutzte dieselbe Frage, um aus seiner jüngsten Wende in der Energiepolitik Kapital zu schlagen: sein Widerstand gegen Ölbohrungen vor der heimischen Küste. In Zeiten steigender Preise an den Zapfsäulen eine erfolgversprechende Volte. Noch 2004 wäre es schwer vorstellbar gewesen, die Kontrahenten in einer Mega-Church zu versammeln. Dieses Kunststück aber ist Rick Warren gelungen. Er gilt als überparteilich. Immer wieder betont er, dass Evangelikale bei weitem nicht so monolithisch dächten, wie gemeinhin angenommen. An seiner Bibelgläubigkeit lässt Warren aber keinen Zweifel. So finden sich auf der Homepage seiner Gemeinde alle christlichen Glaubensgrundsätze wieder. Der Glaube an den Schöpfer, den Erlöser Jesus Christus, Himmel und Hölle. Dennoch versucht Warren, anders als seine Mitbewerber um die mediale evangelikale Deutungshoheit, wie etwa der radikale christliche Zionist John Hagee, einen Kurs der Mitte zu fahren.

Die christliche Rechte spielt eine wichtige Rolle

So veranstaltet er bereits seit Jahren Foren, auf denen „weiche“ Probleme diskutiert werden. Umweltschutz, Armutsbekämpfung, Gesundheitspolitik etwa. Themen, die bei Evangelikalen nicht oben auf der Agenda stehen. Er ist so eine Art Al Gore der evangelikalen Szene. Zu einem Forum über AIDS etwa konnte er Barack Obama bereits 2006 empfangen. „You can disagree without being disagreeable”, nannte er diesen Kurs der weichen Themen denn auch in einem CNN-Interview, „man kann anderer Meinung sein, ohne sich gleich unmöglich zu machen.“ Wenig zu verlieren also, aber viel zu gewinnen. Das haben beide Kandidaten auch nötig. Zwar werden die Wahlen 2008 anders als 2000 und noch mehr 2004 in der Mitte gewonnen.

Aufgrund der äußerst knappen Umfragen spielt die Christian Right, die christlich-evangelikale Rechte, dennoch eine wichtige Rolle. Ein A-Termin also, zu dem die Rivalen schlecht Nein sagen konnten. Ein wirkliches Heimspiel war es dagegen für keinen von beiden. Zwar sind sowohl McCain als auch Obama Kirchgänger und haben gemäß amerikanischer Politikergepflogenheit aus ihrem christlichen Glauben öffentlich nie einen Hehl gemacht. Aber trotz dieser positiven Ausgangsbedingungen ging doch jeder von ihnen mit einem spezifischen Nachteil in die Auseinandersetzung. Obama laboriert noch immer an den Folgen, die die anti-amerikanischen Ausfälle seines langjährigen Mentors, Pastor Jeremiah Wright, für ihn haben. Zudem sind zwölf Prozent der Amerikaner nicht davon abzubringen, dass der Sohn eines kenianischen Muslims und im islamischen Indonesien zeitweise aufgewachsene Barack Hussein Obama ein Krypto-Muslim sei. Seine liberale Haltung zu Abtreibung und Homo-„Ehe“ schließlich tun ein übriges.

Doch auch John McCain hatte allenfalls einen leichten Heimvorteil. Bisher neigten die Evangelikalen mit großer Mehrheit den Republikanern zu. Doch ist das kein Automatismus. Denn John McCain galt nicht als ihr Kandidat. Bereits bei seiner Kandidatur für die republikanische Nominierung im Jahr 2000 unterlag er dem heutigen Amtsinhaber Bush. Dessen lupenreinem evangelikalem Bekenntnis wollte sich McCain damals nur bedingt anschließen. So hatte er mehrere TV-bekannte evangelikale Pastoren als „Agenten der Intoleranz“ bezeichnet.

Das Publikum emotional binden

Nicht zuletzt deshalb war er im Sommer letzten Jahres keineswegs als Favorit des evangelikalen Parteiflügels gestartet. Dessen Herz schlug vielmehr für den ehemaligen Pastor der Southern Baptist Church, Mike Huckabee. Im weißen und evangelikal geprägten Iowa konnte er zu Beginn des Jahres einen Achtungserfolg erzielen. Nachdem sich McCain aber unter anderem gegen ihn durchgesetzt hatte, arbeitete er zielstrebig daran, die Reihen auf dem evangelikalen Flügel zu schließen. So berief er – sehr zum Ärger der Katholiken – den TV-Prediger John Hagee in sein engeres Beraterteam. Nach katholischen Protesten trennte er sich aber wieder von ihm. Ähnlich erging es ihm mit Rod Parsley, von dem er sich wegen dessen anti-islamischer Ausfälle distanzieren musste. Bei seinem Versuch, evangelikale Wähler zu binden, dürfte McCain jetzt einen entscheidenden Schritt weitergekommen sein.

Das sahen Reaktionen aus Amerikas Presse ähnlich. So meinte der CNN-Analyst David Gergen, dass sich beide Kandidaten nicht schlecht geschlagen hätten. Besonders beeindruckt sei er aber von McCains Auftritt gewesen. Es sei ihm gelungen, sein Publikum emotional zu binden. Die „New York Times“ war derselben Meinung. „Es war McCains Nacht. Obama hat keine großen Fehler gemacht. Aber seine Tendenz zu etwas konturlosen Allgemeinplätzen war nicht besonders überzeugend.“ Negative Auswirkungen für McCain sieht indes CNN-Chefkommentator Bill Schneider. „Sehr forsch, vielleicht zu offensiv“ betone McCain die Aufgabe der USA, Freiheit und Menschenrechte überall in der Welt zu verteidigen. Manche Amerikaner könnte dieses nassforsche Auftreten verstören und zu sehr an die Ära Bush erinnern.

Nur noch dreimal bis zum 4. November stoßen Obama und McCain in TV-Debatten aufeinander. Umfragen zufolge liegt Obama zwischen drei und sechs Punkten vor seinem Herausforderer.

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