Gott ist nichts Menschliches fremd

Keine Idylle, sondern im Kontakt mit der Realität: Weihnachtsgedanken aus dem Heiligen Land. Von Pater Nikodemus Schnabel OSB
Weihnachten in Bethlehem
Foto: KNA | Weihnachten ist der Beginn unserer Erlösung: Der silberne Stern markiert in Bethlehem den Ort der Geburt Christi.

Weihnachten werden für mich die Steine des Heiligen Landes lebendig. Natürlich beeindruckt die Feier der Geburt Christi am Ort des Geschehens in Bethlehem. Aber fast noch beeindruckender ist die Atmosphäre, die der Stimmung der ersten Heiligen Nacht sehr nahe kommt. Mein Weihnachten im Heiligen Land ist völlig unidyllisch. Das war vor 2 000 Jahren nicht anders. Die Suche einer hochschwangeren Frau nach einem Ort für ihre Niederkunft hatte schließlich auch nichts Romatisches.

Uns Mönchen der Jerusalemer Dormitio-Abtei begegnet in der Heiligen Nacht, die uns von Jerusalem nach Bethlehem führt, jedenfalls keine Idylle, sondern binnen weniger Stunden die vielfältige Realität dieses wunderbaren, zerstrittenen Landes und seiner Bewohner.

Wir beginnen den Heiligen Abend um 20 Uhr mit einer Messe für die Mitglieder der deutschsprachigen Auslandsgemeinde. Journalisten, Diplomaten, Geschäftsleute, Studenten und Volontäre bilden dann unsere Gemeinde. Diese Menschen sind zumeist nur für eine bestimmte Zeit im Heiligen Land. Aber Jerusalem ist allen gläubigen Menschen Heimat. Um Mitternacht dann feiern wir die Vigil des Hochfestes. Da sieht es dann völlig anders aus. Nicht Ausländer bilden dann meine Gemeinde, sondern Einheimische. Ich bin wahrscheinlich der einzige Priester der Welt, der in der Christmette vor einer überwiegend jüdischen Gemeinde predigt. Seit Jahren hat sich das so eingespielt. Warum das so ist? Weihnachten spielt im jüdischen Staat keine Rolle, entgeht den Menschen aber natürlich nicht. Schließlich feiert die ganze westliche Welt Weihnachten. Viele Juden schätzen wahrscheinlich einfach die feierliche Atmosphäre der Weihnachtsliturgie. Viele europäischsstämmige Juden erinnern sich sicher auch an die Zeit ihrer Großeltern, die vor der Schoa in Europa gelebt haben. Weihnachten und Hanukka verschmolzen damals häufig zu „Weihnukka“. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach diesen fernen Tagen, die so viele Juden in unseren Gottesdienst treibt. Mich als Prediger stellt das immer wieder vor eine Herausforderung. Ich will das Geheimnis des Festes nicht glattbügeln zu einem Fest der Liebe oder ähnlichen Gemeinplätzen. Ich predige sehr bewusst über das Geheimnis der Inkarnation, der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, aber dies in sehr einfühlsamer Weise ohne missionarisch herüberzukommen. Die jüdischen Besucher sollen verstehen, was wir Christen Großartiges feiern, ohne durch meine Worte verletzt zu werden. Nach der Christmette ergeben sich mit unseren jüdischen Freunden viele Gespräche. Da wird dann auch schon die christliche Trinität diskutiert.

Das anschließende Frühstück stärkt uns für den nicht ganz kurzen Weg nach Bethlehem. Unsere Abtei bietet seit Jahren die Möglichkeit an, seinen Namen in eine Schriftrolle eintragen zu lassen. Diese führen wir dann den Weg von Jerusalem nach Bethlehem mit uns. Vergangenes Jahr waren es 65 000 Namen. Die Spenden, die die Menschen uns dabei zukommen lassen, kommen guten Zwecken im Heiligen Land zugute. Auf diese Weise verbinden wir uns mit Menschen aus aller Welt, die entweder schon im Heiligen Land waren und sich ihm verbunden fühlen, oder noch nie hier waren, aber eine tiefe Sehnsucht nach den Stätten der Heilsgeschichte verspüren. Der Weg nach Bethlehem führt durch Kälte und Nacht. Und weil der Weihnachtsmorgen in Israel und Palästina Beginn eines normalen Arbeitstages ist, begegnen uns Menschen, die in ihren Alltag starten. Lieferfahrzeuge und Müllwägen auf der Hebron Road, die Jerusalem mit Bethlehem verbindet, fahren an uns vorbei. Wir sind also nicht nur an einem heiligen Ort, sondern uns begegnet die vielfach schwere Alltagswirklichkeit der Menschen. Stacheldraht, Betonmauern und Soldaten mit Maschinengewehren: Wenn wir den Checkpoint zwischen Jerusalem und Bethlehem passieren, wird einem die leidvolle Wirklichkeit im Heiligen Land unübersehbar vor Augen geführt. Zur frühen Stunde ist es nur möglich in die palästinensischen Gebiete hineinzukommen, die Tore in die andere Richtung sind noch nicht geöffnet. Auf der anderen Seite warten palästinensische Arbeiter darauf, dass sie nach Israel eingelassen werden. Der Konflikt beider Länder und Völker wird so Teil unserer Weihnachtsfeier.

In Bethlehem angekommen begrüßt uns dann um 4 Uhr 30 der Muezzin der Moschee vor der Geburtskirche. Auch der Islam, die in den palästinensischen Gebieten dominierende Religion, wird so Teil von Weihnachten. Neben den Juden ist der Dialog mit den Muslimen ein ganz wichtiger Bestandteil unserer Sendung als Mönche im Heiligen Land. Der Einzug in die Geburtsbasilika wiederum führt in eine ganz andere, eine ökumenische Wirklichkeit. Neben katholischen Franziskanern verwalten Griechen und Armenier den Ort, wo unser Herr geboren wurde. Zu dieser frühen Stunde sind nur sehr wenige Beter in der Geburtsgrotte anwesend, wo wir die Namensrolle niederlegen. Die meisten sind Gastarbeiterinnen aus Indien, Sri Lanka oder von den Philippinen, die zeitweise in Israel arbeiten. Sie gehören zu den unsichtbaren Christen im Heiligen Land, bilden aber seit Jahren eine wachsende Gemeinde in Israel.

Wenn ich dann vor dem silbernen Stern knie, der die Stelle der Geburt des Erlösers markiert, denke ich mir: Juden, Moslems, Christen aus aller Herren Länder und verschiedener Kirchen – Gott ist für uns alle Mensch geworden. Die Soldaten am Checkpoint, die Müllmänner auf der Hebron Road, die oft nur halblegal anwesenden Arbeitsmigranten von den Philippinen: In diese Wirklichkeit hat sich Gott hineinbegeben. Nichts Menschliches ist ihm fremd.

Gottes Weite stößt im Heiligen Land aber oft auf die Grenzen unserer Enge. Gerade dieser Tage steht der Konflikt um Jerusalem wieder im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Jerusalem ist aber zu groß, als dass man es nationalistisch verengen darf, sei es von israelischer, sei es von palästinensischer Seite. Jeder ist willkommen, weil er Mensch ist. Das ist die Botschaft von Weihnachten und die Botschaft Jerusalems.

Hoffen wider alle Hoffnung: Leicht kann man angesichts des ungelösten Konflikts im Heiligen Land aggressiv, depressiv oder zynisch werden. Nichts von alledem ist christlich. Unsere Aufgabe als Mönche sehen wir darin, uns mit Gottvertrauen und Zuversicht gegen die Resignation zu stellen. Weihnachten ist schließlich der Beginn unserer Erlösung. Gerade im Unheilen strahlt das Heil umso heller auf.

Ein wenig von dieser Erfahrung wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser der Tagespost, auch. Wir Mönche in Jerusalem schließen Sie jedenfalls in unser Gebet ein. Ich grüße Sie vom Zion und wünsche Ihnen und Ihren Angehörigen eine frohe und gesegnete Weihnacht!

Der Autor ist Prior-Administrator der deutschsprachigen Benediktinerabtei Dormitio Mariens in Jerusalem. Wer sich in die Namensrolle, die die Gemeinschaft nach Bethlehem trägt, einschreiben lassen will, kann dies noch bis

Heiligabend 12 Uhr tun. Auf www.dormitio.net unter der Rubrik

Weihnachtsaktion nehmen die Patres noch Namen entgegen.

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