„Gott hat in jedem Dorf Europas ein Büro“

Politisches Engagement aus Nächstenliebe fordert Martin Kugler, Mitinitiator des Netzwerks „Europa für Christus“ von Stephan Baier
| .Foto: Kathbild.at
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Europas Missionierung durch Paulus begann im äußersten Osten des Kontinents. Nun scheint Papst Benedikt XVI. im äußersten Westen, in Santiago de Compostela, zur Re-Evangelisierung gerufen zu haben. Braucht dieser Kontinent eine solche Neuevangelisierung?

Die Frage zu stellen, heißt eigentlich sie zu beantworten: Nicht nur wir Europäer brauchen diese Umkehr – das sowieso! – sondern es scheint, dass unser Kontinent wie kaum sonst eine andere Kultur in all dem Positiven, was er der Menschheit gebracht hat, an seine christliche Identität gebunden ist. Und wenn diese Herkunft de facto und zunehmend auch de iure verleugnet wird, verliert Europa seinen Anspruch, ein Friedens- und Freiheitsmodell zu sein. Im Gegenteil wird Europa dann ein absterbender Moloch, der niemandem mehr Zeichen einer auch bloß menschlichen Hoffnung bieten kann.

Versuchte der Papst in Santiago, dem politischen Europa aus seiner offenkundigen Identitätskrise zu helfen?

Ja klar, aber nur indirekt. Europa ist manchmal wie der verlorene Sohn, der sich ja auch durch seinen Freiheits- und Emanzipationswahn zunächst selbst verliert. Wie sehr hat sich Europa politisch und gesellschaftlich von den gelebten Wahrheiten des Evangeliums entfernt. Und das ist auch die Verantwortung von uns Christen. Unser Mangel an Gebet und Einsatz, ja oft richtiggehend Feigheit, aber auch Mangel an politischem Wissen und Zivilcourage, sind das Problem. Und doch bleibt Gott ein Vater für Europa, auch wenn der verlorene Sohn sich nicht um ihn kümmert. Daran hat uns der Papst einmal mehr erinnert und dadurch stärkt er natürlich auch unsere Identität als Europäer.

In Spanien tobt seit Jahren ein Kulturkampf der Regierung gegen die Kirche, die Familie, den Lebensschutz. Kann die Wegweisung des Papstes das Land aus der gesellschaftlichen Krise führen?

Papst Benedikt hat sich für seine Reisen bisher gerade die für die Kirche schwierigen Länder Europas ausgesucht. Und er rief sicherlich bewusst gerade den Spaniern das richtige Freiheitsverständnis in Erinnerung. Es ist eine Tragödie, dass sich in Europa, besonders im 19. Jahrhundert, die Überzeugung durchsetzte, dass Gott der Gegenspieler des Menschen und der Feind seiner Freiheit sei. Durch diese Propaganda – so der Papst – wollte man „den wahren biblischen Glauben an Gott verdunkeln, der seinen Sohn Jesus Christus in die Welt gesandt hat, damit keiner zugrunde gehe, sondern alle das ewige Leben haben.“ In Spanien scheint diese Masche noch immer bei vielen zu greifen. Nur so ist eine derartige Polarisierung in einem Land dieser starken Tradition zu erklären. Die Kirche wird massiv als Feind des Fortschritts und sogar des menschlichen Glücks hingestellt. Dabei ist der Glauben an Christus eine Quelle der Schönheit und Freude, wie der Papst in „Sagrada Família“ am passenden Ort unterstrich. Und: „Gott ist der Gipfel unserer Freiheit, nicht ihr Gegner!“ Das sagte der Papst in Santiago de Compostela und ich denke, es ist der Schlüsselsatz dieser Reise.

Europa entfernt sich gesellschaftlich immer weiter von seinen christlichen Wurzeln. Gibt es nicht auch Anzeichen einer Trendwende?

Ja und nein. Wenn wir auf Europa schauen, sind die beiden Ghettos sehr deutlich sichtbar, von denen der große jüdische Gelehrte Joseph Weiler oft spricht: das Ghetto, in das Christen oft gedrängt werden, wenn sie sich in der Öffentlichkeit authentisch als Christen benehmen. Und das Ghetto, in das sie sich freiwillig begeben, weil sie ihren Glauben wie einen Mantel an der Garderobe abgeben, sobald es irgendwie kontroversiell wird. Gott hat noch immer in jedem Kuhdorf Europas ein Büro. Aber davon merkt man noch nicht viel. Es ist notwendig, dass – wie Benedikt XVI. es formulierte – der Name Gottes unter dem Himmel Europas wieder freudig erklingt. Das politische Engagement der Christen ist deshalb immer mehr einfach eine Tat der Nächstenliebe.

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