Glosse: Zeigen, was man am Glas kann

Es ist Karneval. Endlich können Männer und (immer mehr) Frauen wieder öffentlich zeigen, was sie am Glas so alles können. Denn für immer mehr Menschen geht es an Karneval ausschließlich darum, eine einzige und offensichtlich nie langweilig werdende Frage hinreichend deutlich zu beantworten. Und die lautet: Wer kann wie viele Kaltgetränke in einen 36,8 Grad Celsius warmen Behälter einstellen, bevor diese dort ihre sedierende Wirkung gänzlich entfalten? Wobei die gegebenen Antworten ausgesprochen stark differieren können und nicht nur von dem Alkoholgehalt der eingestellten Getränke und dem Fassungsvolumen ihrer Transportbehälter abhängen, sondern auch vom individuellen Trainingszustand, in dem sich die Lebern der jeweiligen Kombattanten befinden. In der Düsseldorfer Altstadt etwa herrscht in diesen Tagen der absolute Ausnahmezustand. Nicht weil der Rhein mit Vorliebe dort in der „fünften Jahreszeit“ über die Ufer zu treten pflegt, sondern weil die Narren an der „längsten Theke der Welt“ mitunter knöcheltief durch Erbrochenes waten. Man muss kein Anhänger der Prohibition sein, um die Frage aufzuwerfen, ob man tatsächlich stolz darauf sein sollte, dass ein solcher Straßen- und Kneipenkarneval offensichtlich zu Deutschland gehört? Und wenn es stimmt, dass ein rohstoffarmes Land wie die Bundesrepublik auch künftig auf die besten Köpfe und Ideen angewiesen bleiben wird, muss sogar die Frage erlaubt sein, wie viel Zukunft eigentlich jedes Jahr zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch mutwillig vernichtet wird? Stefan Rehder

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