Glosse: Wundertüten auf zwei Beinen

Gott offenbarte sich seinem Volk als machtvolles Ich in der Geschichte. Sigmund Freud identifizierte das Ich als von einem Über-Ich eingehegten strukturellen Bestandteil der menschlichen Psyche, und für Popstars wie die verblichenen Michael Jackson, Prince oder David Bowie war ihre Identität nur eine Maske, hinter der sie sich verstecken konnten. Ernst Bloch, der sein Monumentalwerk „Das Prinzip Hoffnung“ noch mit der Frage „Wer sind wir?“ beginnen konnte, müsste heute umgekehrt fragen: Wer sind wir nicht? So sehr ist das Ich schon zur Variablen geworden, dass eine an Jugendliche adressierte Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung mit existenzialistischem Dumpfsinn titeln zu müssen glaubte: „Kann ich nicht mal nicht ich sein?“ Wenn wir heute überhaupt noch wer sind, dann eine Wundertüte auf zwei Beinen. Die Polizei wird umlernen müssen. Wir werden nicht mehr lange mit nur einem Ausweis pro Person auskommen. Personenbeschreibungen mit Angaben zu Narben, Muttermalen, Körpergröße, Geschlecht und anderen unveränderlichen Kennzeichen müssen um die gerade aktuelle Identität eines Gesuchten ergänzt werden. Denn jeder kann im Meer seiner persönlichen Ichs untertauchen. Von einer kollektiven Identität zu sprechen, ist geradezu unmöglich. Im Verlaufe von nur einer Generation werden heute ganze Zeitalter ausgewechselt, als hätten sie die Halbwertszeit von rohem Hackfleisch. Der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft ist noch nicht vollzogen, da grätschen Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 dazwischen, und ohne der Digitalisierung Zeit zu lassen, sich zur vollen Blüte zu entwickeln, hat man schon die postfaktische Ära ausgerufen. Sogar die gute alte Zeit hat ausgedient. Die Geschichte entwickelt ein derart rasantes Tempo, als wollte sie nichts mehr mit uns zu tun haben. Aber wer sind wir schon? Bernhard Huber

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