Glosse: Wieder „in“: Der textile Grenzzaun

Keine Krise ist zu kritisch, kein Bundestagswahlkampf zu heiß: Für das Sommerloch ist eigentlich immer Platz. Aber wo war das diesjährige? Zarte Ansätze gab es gleichwohl. Jedenfalls in Bayern, besonders im Raum München. Am Eisbach im Englischen Garten, nahe des Chinesischen Turms, um genau zu sein. Besorgte Zeitgeistbeobachter des gehobenen Journalismus zeigten sich nämlich von einer Sorge bewegt, die sich erfrischend-kontrastierend von dem Einerlei abhob, an dem sich Redaktionen derzeit sonst abarbeiten: Trump, Erdogan, Eier und Diesel. Ihre Sorge galt einer Spezies Mensch, die im Prinzip überall anzutreffen ist: dem nackten Vertreter der Gattung. Im Prinzip: Denn in seiner ausgeprägten Form lässt er sich eher selten, ja sogar immer seltener sehen. Dabei hat sich vor etlichen Jahren ein rudimentärer, den Wutbürger vorwegnehmender Radikalnudismus formiert, der seine blickdicht umzäunten Reservate verlassen hat, um sich Zonen in Grünanlagen unserer Großstädte zu erkämpfen, in denen er ungeniert der Freikörperkultur in all ihren Schattierungen huldigen kann. Inzwischen jedoch, will man der einschlägigen Berichterstattung Glauben schenken, ist diese Bewegung von der Auszehrung betroffen. Woran, so die kulturpessimistische Sommerlochfrage, mag es liegen, dass sich immer mehr Menschen über und unter der Gürtellinie badebekleidet in die Sonne legen? Könnte es mit der Gefahr zu tun haben, dass sich Unbefugte buchstäblich ein Bild von dem Geschehen machen, um es ins Internet zu stellen? Es wird auch gemutmaßt, die Prüderie sei wieder gesellschaftsfähig geworden, als wäre das ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Eine Erklärung hingegen wird nicht in Betracht gezogen: die dermatologische Vernunft. Die gebietet es nämlich, der UV-Einstrahlung textile Grenzen zu setzen. Bernhard Huber

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