Glosse: Wie endlich alles gut würde

In Deutschland – einem Land, das trotz manch gravierender Mängel eine freiheitliche, demokratisch verfasste Grundordnung sein eigen nennt –, steht es nicht nur jedem frei, missgelaunt aufzustehen. Er kann auch jeden Versuch unterlassen, daran – bis das Sandmännchen kommt – selbst nur ein Jota zu ändern. Wer will, darf das sogar 365 Tage im Jahr so halten. Einzige Ausnahme: Die Schaltjahre. Dann nämlich stehen chronisch Missgelaunten ganze 366 Tage zur Verfügung, um sich darüber zu beklagen, wie schlecht Land und Leute im Allgemeinen und zu ihnen im Besonderen sind. Wem das nicht reicht, hat hierzulande die Chance, einen Prozess darüber anstreben, dass ihm alle vier Jahre zugemutet wird, sich 24 Stunden länger im Klagemodus aufhalten zu sollen. Oder auch darüber, dass ihm dies ganze drei Jahre lang vorenthalten werde. Und Gründe, Klage zu führen, gibt es ja wahrlich genug. Ständig trifft man Menschen, die nicht so aussehen, sich nicht so kleiden und nicht so sprechen, wie man selbst. Auf Menschen, die nicht denken, was man dächte, die nicht aussprechen, was man ausspräche, und nicht schreiben, was man schriebe, wäre man an ihrer Stelle. Vielleicht ist die Idee einer freiheitlichen, demokratisch verfassten Grundordnung ja auch gar keine so gute? Vielleicht wäre es besser, wenn alle dieselbe Uniform trügen, dieselbe Sprache sprächen, dieselbe Religion besäßen und dieselbe Partei wählten. Dann gäbe es nichts, worüber man sich noch aufregen könnte. Nicht einmal mehr über die „Lügenpresse“. Die wäre, weil Nachricht das ist, was sich unterscheidet, sofort arbeitslos. Selbst der Missionsauftrag entfiele. Nur auf einen gut gelaunten Demokrator müsste man sich einigen. Stefan Rehder

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