Glosse: Westliches Asien, östlicher Westen

Von Stephan Baier

Da sind geschichtsbewusste Österreicher so stolz auf die Lage ihres Landes in der Mitte Mitteleuropas, können philosophieren über das südlichste Land Nordeuropas, das zugleich das nördlichste Land Südeuropas sei. Aller Über- und Untergänge zum Trotz liegt Österreich heute noch immer an der Schnittstelle zwischen romanischem, germanischem und slawischem Europa. Wer wollte das – und den daraus gewonnenen kulturellen Reichtum – leugnen? Und da kommt ausgerechnet der frühere Präsident des österreichischen Rechnungshofes, Franz Fiedler, um Metternich falsch zitierend alle Illusionen zu zerschmettern: „Der Balkan beginnt am Semmering, und hinter der Simmeringer Haide Asien.“ Nun war Österreichs Außenminister und Staatskanzler Metternich ja Rheinländer, also Gastarbeiter in Wien. Wenn er den Balkan am Rennweg (also in Wien!) beginnen ließ, schwang da ein für österreichische Ohren sympathisches Maß an Resignation mit.

Treibt diese auch den Ex-Rechnungshofpräsidenten, wenn er über die heimische „Bestechungskultur“ meint, Österreich sei da „weniger wie die skandinavischen Länder, sondern eher wie die mediterranen“? In Österreich fließe „eine Milliarde an Schmiergeld pro Jahr“, so Fiedler zur „Kleinen Zeitung“. Ist das noch Kritik oder schon Kompliment? Eine Milliarde können ein paar Politiker doch gar nicht alleine vom Ballhausplatz bis zum Rennweg tragen! Da müssen viele Hände zupacken, oder? Vielleicht liegt es ja auch nur daran, dass viele Österreicher noch immer in Schilling rechnen (1 zu 13,76). Auf jeden Fall ist ein derartiger Schmiergeldtransfer bei acht Millionen Einwohnern schon ein Beweis wirtschaftlicher Stärke und Dynamik, die Fiedler seiner südskandinavisch-westasiatischen, nordbalkanisch-mediterranen Heimat wohl gar nicht zugetraut hätte.

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