Glosse: Wenn Bilder nichts mehr sagen

Von Guido Horst

Vorgestern Abend hat es das italienische Fernsehen dann doch etwas übertrieben: Zur besten Nachrichtenzeit bekam man Bilder von Oppositionsführer Pier Luigi Bersani präsentiert, die diesen nicht nur in gewohnt frostiger Laune, sondern auch im entsprechenden Outfit zeigten: Krawatte, Pullöverchen, Sakko, Schal, Mantel, hochgeschlagener Kragen. Das war am Dienstagabend. Da hatte das Thermometer in Rom die Dreißig-Grad-Marke noch längst nicht unterschritten. Und Herr Bersani läuft rum wie zwischen Weihnachten und Neujahr. Tut er ja nicht. Wahrscheinlich lag er da, wo alle Italiener liegen: am Strand. Aber das Fernsehen – das war jetzt klar – füttert uns mit Archivmaterial. Ohne das natürlich kenntlich zu machen. Was die bohrende Frage aufwirft, wie viel von dem Zeug, das man da allabendlich zu sehen bekommt, aus der Büchse stammt und was man noch für wahr – also aktuell – halten darf. Hat uns der Gottseibeiuns aus der Wüste nicht bis zum Ende immer wieder damit gefoppt, Bilder eines souverän agierenden Gaddafi in Umlauf zu setzen? Tauchte sein Sohn nicht in Tripolis auf, obwohl die Rebellen ihn bereits verhaftet hatten? Warum sieht Außenministerin Hillary Clinton manchmal so frisch aus wie früher? Und warum wird Silvio Berlusconis Haarpracht immer dichter? Sechs Monate hat man jetzt zuschauen dürfen, wie die Mad Max-Truppe der libyschen Aufständischen Gewehrsalven in irgendeine Richtung feuert. Nie sah man den Feind, nie kam ein Schuss zurück, keine Bilder von der Gegenseite. Die Wirklichkeit, die uns die ach so objektiven Medien auftischen, ist nichts anderes als ein Zusammenschnitt mehr oder weniger alten Filmmaterials. Und obskurer Handyaufnahmen. Aber wir, wir sind ja süchtig nach dieser Soap.

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