GLOSSE: Weiser als jeder Redakteur

Manchmal, da hat auch ein Redakteur eine glänzende Idee – zum Beispiel einen bekannten Politikwissenschaftler, Philosophen, Schriftsteller, Publizisten, Musiker, kurz: einen aus Funk und Fernsehen bekannten Intellektuellen – oder Intellektuelle –, zu einem Gastbeitrag einzuladen. Mit dem berühmten Namen kann sich die Zeitung schmücken, mit dem Text der Leser auf einen Genuss freuen, und der Schreiber selbst heimst neben einem manchmal größeren, manchmal kleineren Honorar das wohlige Gefühl ein, doch tatsächlich in dieser Republik etwas zu sagen zu haben und gehört werden zu wollen, es also mit all' den Geldsäcken, Balltretern, Deutschland-sucht-den-Superstar-Sternchen und Politikern publicitymäßig doch ganz gut aufnehmen zu können.

Also, da hat ein Redakteur diese eine glänzende Idee, greift zum Telefonhörer und ruft einen erfolgreichen Schriftstellerphilosophen an, um ihn ungeniert zu fragen, ob er denn nicht einmal einen Beitrag über das Böse in der Kirche schreiben wolle – Missbrauch und so, Augustinus, Schelling, Drama der Freiheit, sündige Kirche, und noch vielerlei mehr Köder legt er im Gespräch aus, denn das wäre ein Scoop, ist der Mann doch ein intellektueller Bestseller, einer, der auch einmal dem Größtdenker Peter Sloterdijk intelligent ins Wort zu fallen vermag.

Doch was antwortet der Mann höflich, nachdem er geduldig den Redakteur sich hat eine hübsche Zeitlang den Mund fusselig reden lassen: „Ach nö, ich bin gerade mit anderem beschäftigt.“ Und freundlich lässt der Mann noch durchblicken, dass nicht jeder jetzt seinen Senf zur Kirche geben müsse, die brauche das gar nicht, und dass er dem Redakteur viel Glück wünsche. Wenn der Mann nicht weise ist, weiser jedenfalls als jeder Redakteur. Johannes Seibel

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