Glosse: Vom Sparen und Entsparen

Von Andreas Wodok

Ach, was waren das doch für traurige Zeiten, damals, vor zwei Jahren, als Deutschland völlig allein dastand mit seinem Sparpaket. Wir erinnern uns: Das erste Wochenende im Juni 2010, Klausurtagung im Kanzleramt, die Koalitionsparteien schenken sich nichts, denn „80 Milliarden Euro sparen sich nicht mit der Nagelschere“, wie Damals-Vize-Kanzler Westerwelle sagte, deshalb: keine Rentenbeiträge mehr für Hartz-IV-Empfänger, weg mit dem Heizkostenzuschuss, her mit der Abgabe auf Finanzgeschäfte, der Steuer auf Brennelemente und der Luftverkehrsabgabe. So geht Sparen! Das be-greifen mittlerweile auch die anderen Europäer. Die Griechen haben ihre Renten, den Mindestlohn und das Arbeitslosengeld gekürzt. Die Spanier frieren die Bezüge ihrer Beamten ein und erhöhen die Steuern für Unternehmen. Und François Hollande, der neue König von Frankreich, kürzt nicht nur sein eigenes Monatsgehalt und das des Premierministers um 5 700 auf 13 300 Euro, sondern auch die Bezüge der Minister von rund 12 000 auf 8 400 Euro. Sparen ist – pardon! – so was von geil, dass jetzt sogar die Nobel-Stiftung mitmacht. In diesem Jahr be-kommen die Nobelpreisträger nicht mehr zehn Millionen schwedische Kro-nen, sondern nur noch acht, also umgerechnet gut 900 000 Euro. Um den Sinn all dieser Sparmaßnahmen zu verstehen, muss man allerdings (k)ein Genie sein. Denn es ist doch so: Wenn alle kräftig sparen, dann... ja, was dann? Dann gibt's weniger Wachstum und weniger Einkommen, sagen die einen. Schon, entgegnen die anderen, aber wenn die Einkommen sinken, dann müssen die Leute an ihr Erspartes ran, um ihre tagtäglichen Ausgaben bezahlen zu können – und sorgen so wieder für Wachstum. Ökonomen nennen das Entsparen. Menschen mit gesundem Menschenverstand nennen es irre.

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