Glosse: Schleichende Schleichwerbung

Wenn ein Megaevent angesagt ist, regt sich im Kapitalisten der atavistische Jagdinstinkt. Aber nicht mit Pfeil und Bogen rüstet er sich aus, sondern mit Klappstuhl, Schlafsack und Proviant, um, wenn es sein muss, mehrere Tage (und Nächte !) in einer Schlange auszuharren. Geld haben sie auch dabei, denn Megaevents kosten, und zwar nach dem Prinzip „Je mega die Party, desto mega der Preis“. Alles Mögliche wird heute zum Megaevent aufgeblasen. Das „Grand opening“ der Filiale eines kultigen Textilhändlers, der Erstverkaufstag der nächsten Innovation eines Computerherstellers oder auch ein Konzert der Rolling Stones, weil mittlerweile jedes das Letzte sein könnte.

Bildeten sich die Schlangen früher vor Lebensmittelläden aus purer Not ganz von selbst, so wird heute schon mal mit Geld nachgeholfen. Denn Schlangestehen ist harte Arbeit, die Ausdauer und Geduld erfordert. Deshalb lassen sich Firmen nicht lumpen und zahlen auch schon mal ein vierstelliges Sümmchen, um jemanden fürs markenwertsteigernde Schlangestehen zu belohnen. Derart ritualisiert, ist das Schlangestehen selbst zum Event geworden, weshalb sich auch die Medien für diese moderne Merkwürdigkeit interessieren. Sogar die öffentlich-rechtliche Mutter des Qualitätsjournalismus, die „Tagesschau“, ist mit Kamera und Mikro dabei. Wenn nebenbei schleichend die Grenzen der Schleichwerbung ausgelotet und sogar überschritten werden, so geschieht das natürlich rein zufällig. Schleich oder nicht schleich: Werbung ist es trotzdem, sogar spottbillige. Bernhard Huber

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